Nachleben des griechisch-römischen Altertums
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die Macht (Gottvaters) und die Weisheit (Gottsohns)." So sindwir Menschen geworden. So rasten wir in der 'Weisheit' mitGott. Mit zwei Schwingen fliegen wir zur Weisheit: mit derNächstenliebe und mit der Gottesminne. So wird der Menscheins mit Gott in der Weisheit 1 ). Darum gebot der heilige Geist,daß eine menschliche Jungfrau so stark sein sollte in ihremGlauben und in ihrer heißen Minne zu Gott, um Evas Zweifelund Adams Schwäche und Fall zu sühnen durch die Geburteines Menschen, in dem die sieben Gaben des heiligen Geisteswohnten. Das war die Jungfrau Maria. Und sie erhebtdieser Interpret zum Urbild der Braut des Hohen-liedes. Sie wird ihm der Urtypus und das Muster der Ver-mählung der frommen Seele mit Gott. „Nun mögen alle kommenund sich zusammen freuen, die da geflohen sind vor dem Lärmder Welt und sich erwählt haben die zärtliche Wollust und sichbefreit haben von der Sorge weltlicher Bürde, sie erfreuen sichmit mir des lieblichen Kusses, durch den versöhnt wurdenHimmel und Erde, Engel und Menschen. Mit Becht gebührtunserer gnädigen Frau die höchste Ehre in diesem Gesang, dennsie war die erste und hehrste, die auf das allertreulichste ge-küsset 2 ) ward".
So wird diese Allegorese des 'Canticum canticorum', indemsie ausgeht von dem sehnsüchtigen Anfangsakkord: „Er küssemich mit dem Kusse seines Mundes" (Cant. 1, 1), zu einemPanegyrikus der Madonna. In das alte Eros-Mysterium jenesjüdisch-hellenistischen Zaubersangs trägt der damals erblühendeMarienkult ein neues Licht. Sulamith, die Braut und GemahlinSalomos, wandelt sich in die vom heiligen Geist Gottes über-schattete Jungfrau Maria und diese zum Prototyp einer jedengläubigen Christenseele, die sich Gott in frommer Liebe hingibt 8 ).
Aber damit hört die begnadigte gotterfüllte Menschenseelezugleich auf, bloß Braut und Gemahl zu sein. Sie tritt ausder Passivität heraus. Sie ist nicht mehr Gefäß der Empfängnis,sondern gebärende nährende Mutter. Die gläubige Seele erhältso eine schöpferische Bolle, sie erfüllt sich mit selbst-
*) Ed. Jos. Haupt, S. 2, 3. 6-15. 21-23; 4, 29f. 32f.; 5, 8 bis13. 20f.
2 ) Ed. Haupt, S. 5, 21-33.
s ) Ed. Haupt, S. 10, 16-20. 30ff.; 11, 29ff.
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