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1,1 (1925) Mittelalter
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Nachleben des griechisch-römischen Altertums 67

stimme sich äußern, bald als Mehrheit der heiligen sela 1 ) deshimmlischen Jerusalem, wo nach alter apokalyptischer Deutungvon Isaia 62, 5. 6 die Hochzeit Christi mit den Gläubigen gefeiertwird. Dazwischen aber tauchen wie ein ornamentales Ranken-werk in üppig wuchernder Parabolik zahlreiche andere Gestaltenauf: die heiligen Lehrer der Kirche und die einzelnen christ-lichen Tugenden, vor allem die Caritas oder dilectio.

Auch diesem Verfahren, das allerlei spirituale Fiktionen aufdie Szene ruft und wie schwankende Schemen durcheinanderwirbelt, liegt eine sehr alte Tradition zugrunde. Sie hat ihrenUrsprung in der alttestamentlichen Personifizierung derEigenschaften Gottes und in der rabbinischen Hypostasen-lehre, nach der die himmlischen Mächte wirkliche Existenzhaben. Das aber steht nahe der älteren und gleichzeitigen, ver-wandten und vielleicht den Anstoß gebenden Begriffsmytho-logie, allegoristischen Hermeneutik und Ästhetik der grie-chischen Stoa. Jedesfalls ist als der Mutterboden dieserallegorischen Personifikationen und ihrer Fortbildungen zumythischdramatischen Hypostasen der jüdische Hellenis-mus von Alexandria anzusehen. Und es wirft auf diese Her-kunft ein helles Licht, daß Augustin in seiner Charakteristikdes Hohenliedes, das ereine Art spirituale, in allegorischeHüllen eingewickelte Ergötzung heiliger Gemüter" nennt, alsBelege für diese Auffassung zwei Stellen daraus im Wortlautder in Alexandria entstandenen Septuaginta anführt, wo diein diesen Zitaten erscheinende Hypostasierung der 'Gerechtig-keit' und der 'Liebe' sich findet, während später die abend-ländische Vulgata sie meidet 2 ).

Hier offenbar liegt die tiefste und älteste Wurzel jener Vor-stellung, aus der Heinrich von Veldeke sein Gedicht schuf vonSalomo, der von seinem Bette die Minne anruft. Für die dog-matische Gebundenheit Willirams aber ist es charakteristisch,daß er dem wundervollen erotischen Schlachtruf des Originals(8, 6):denn stark ist wie der Tod die Liebe", den die Vulgatatreu wiedergibt durch quia fortis est ut mors dilectio, dura sicutinfernus aemulatio, die allgemeingültige Beziehung auf die ele-

x ) sanctae animae ad supernam Jerusalem: vgl. Kap. 5, 8, 9, 10,17; Seemüller S. 38f. 43 Abs. 85-87, 98.2 ) Vgl. den Exkurs 7 S. 99.

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