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Literatur und Kunst des Mittelalters
Stuhl 1 ). Das bleibt noch im Rahmen dogmatischer Objektivität.Erst während des 12. Jahrhunderts durchdringt jene persön-lichere Parabolik, welche die Seele des Einzelmenschen ineine innige Beziehung setzt zu der in Menschengestalterschauten Weisheit, das allgemeine religiöse Empfinden undDenken des Abendlandes. Sie wird nun ein mächtiges Ele-ment der Subjektivierung zunächst der kirchlichenDevotion, dann auch der Laienandacht, schließlich des welt-lichen Gefühls.
Williram hat geleitet namentlich von dem Kommentar desBischofs Haimo von Halberstadt (9. Jahrhundert), der aus denAuslegungen des Hieronymus und Gregors, Bedas und Alkuinssowie des Angelomus schöpft, seine Paraphrase des Hohenliedesdadurch geschaffen, daß er die ganze Fülle realistischer Bilderund lebensvoll individueller Situationen, in denen der unver-gängliche poetische Zauber des Originals funkelt, mit meister-licher Sprachkunst einschmelzte zum gleichmäßigen Fluß an-dächtiger, erbaulicher Rede von dogmatischem Inhalt, worinText und Erläuterung ungeschieden zusammen rinnen, alleirdische Wirklichkeit aber in übersinnliches Gleichnis verdampft.Dabei hat ihn, wie er in seiner Vorrede selbst gesteht, das Bei-spiel angeregt, das in Frankreich Lanfranc gegeben hatte,indem er die Dialektik auf die Theologie übertrug. Was Willirambietet, ist eigentlich die Zersetzung des poetischen wie desmalerisch-plastischen Elements seiner Vorlage. Aber während erauf Grund der genannten älteren Kommentare und Inter-pretationen das erotische Hochzeitsgedicht ganz seines realenhistorischen Gehalts beraubt, um es allegorisierend in den großenZusammenhang der christlichen Grundgedanken zu rücken,muß er doch neue dramatische Personen einführen undmonologisch, dialogisch oder chorisch reden lassen, also eigent-lich gegen seinen Willen selbst bildnerisch und poetischNeues schaffen.
So stellt er der christlichen Ecclesia, der jungen legitimenBraut Christi, die jüdische Synagoge 2 ) gegenüber als die ältereGenossin in dem Liebesbund mit Gott, und diese mit den filiaeJerusalem des Originals gleichsetzend, läßt er sie bald als Einzel-
*) Vgl. G. Janitschek, Gesch. d. deutschen Malerei S. 28.2 ) Vgl. den Exkurs 6 S. 98 f.