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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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die älteste christliche Theologie, die Valentinianische Gnostik,die den göttlichen Geist als Bräutigam und Ehegatten dermenschlichen Seele ansah. In seinem ausführlichen Kommentarüber das Hohelied, der uns außer in einzelnen Fragmenten desgriechischen Originals in einer lateinischen Übertragung derersten vier Bücher von Bufinus vorliegt (Migne, Patr. Lat. 13,S. 61198) und durch diese gleichfalls dem mittelalterlichenAbendland bekannt war, schlägt Origenes ein doppeltes herme-neutisches Verfahren ein: teils deutet er auch hier die Braut-schaft des Gedichts auf die Vereinigung der Christenseele mitChristus wie in den Homilien, teils aber auf die Verbindung derGemeinschaft aller Christenseelen, der Kirche, mit Gott.

Hinfort galt jede realistischhistorische Interpretation des'Canticum canticorum' als Irrlehre der Ketzer. Des großenAntiocheners Theodor von Mopsvestia Auslegung, die sich zudieser Auffassung bekannte und das Hohelied als Hochzeits-gedicht König Salomos auf seine Vermählung mit einer ägyp-tischen Königstochter verstand 1 ), wurde 553 zu Konstantinopelauf dem fünften ökumenischen Konzil mit dem Anathem ge-brandmarkt und dadurch der Vernichtung überliefert. Dieallegorische Auslegung triumphierte, und zwar überwog in demfrühen Mittelalter innerhalb der offiziellen Kirche des Abend-landes unter dem Einfluß des Augustinus und Athanasius diedogmatisch-mystische Auffassung, welche das Verhältnis derKirche zu Christus hier abgebildet fand.

Diese Art der allegoristischen Erklärung, die dem Liedeeinen parabolischen Sinn von objektivem, heilsgeschicht-lichem Gehalt unterlegte, muß wohl auch als die älteste an-gesehen werden. Sie reicht in die altjüdische Schriftgelehr-samkeit der Babbinerschülen zurück, ja sie wurzelt inder noch älteren orientalischen Tropik der Propheten und derPsalmen 2 ).

Die Entwicklung der allegorischmystischen Auffassungund Interpretation des Hohenliedes war aber auch früh, schonim Judentum, danach im alten Christentum, zweifellos unter

*) Mansi, Sanctorum Conciliorum Collectio IX, S. 225227,Migne, Patrologia Graeca 66, S. 6991'.; Leontius adv. Nestorium etEutychem 3, 16, Migne, Patr. Graeca 86, S. 1365 D.

2 ) Vgl. Exkurs 5, unten S. 96 f.