Nachleben des griechisch-römischen Altertums 63
wirksamen Zusammenhang aufzudecken, der zwischen diesenwechselnden Interpretationen und den durch sie bedingtenPhantasie- und Gedankenbildern der Kommentatoren, Prediger,Dichter und Maler besteht.
IV.
Williram denkt bei dem lectulus an das königliche Bett undversteht unter dem Geleit der sechzig Helden eine ständigenächtliche Schutzwache. Der rein erotische Charakter derSituation und dieses Bildes tritt in seiner Betrachtung nichthervor, doch mag er ihm nicht völlig fremd geblieben sein.Scharf hatte ja einst schon das Richtige gesehen und ausge-sprochen der Begründer der christlichen Allegorese der Bibelund insbesondere des Hohenliedes Origenes, wenn er es einepithalamius libellus, id est nuptiale Carmen nannte und so seinWesen aus der Sphäre irdischer Hochzeitspoesie, seinen Inhaltals die in Sehnsucht und Erfüllung verlaufende Liebesleiden-schaft bestimmte. Trotz dieser Einsicht verwarf er dann aberjede realistisch profane Deutung des Liedes auf ein menschlichesLiebesverhältnis König Salomos und führte streng eine alle-gorische Auslegung durch. In seinen beiden Homilien über dasGedicht, denen die lateinische Übersetzung des Hieronymus(Migne, Patrologia Latina 13, S. 35—58) im abendländischenMittelalter weiteste Verbreitung gewann, bevorzugte er diepsychologisch individuelle Erklärung: das Hohelied,meint er hier, flößt der Seele die mystische Liebe ein zumHimmlischen und die Sehnsucht zum Göttlichen unter demBilde der Braut und des Bräutigams, indem es lehrt, auf denWegen der Liebe und Leidenschaft zur Gemeinschaft Gotteszu gelangen 1 ). Diese individual-psychologische Allegorese isteine Erbschaft griechisch-philosophischen Geistes, ein Nach-klang Platonischer Eroslehre. Angeregt war sie zweifellos durch
Bakkalaureat); O. Zö ekler, Das Hohelied und der Prediger (L. P. Lange,Theolog.-homilet. Bibelwerk, Alt.Testam. 13.Teil), Bielefeld und Leipzig,Velhagen u. Klasing 1868, S. 14-26; S. Saalfeld, Das Hohelied beiden jüdischen Erklärern des Mittelalters, Magazin für die "Wissenschaftdes Judentums 1878 Bd. 5; Adolf Harnack, Dogmengeschichte 31894 Bd. 1, S. 568f. Anm. Bd. 2, S. 11 Anm.
1 ) Amorem coelestium divinorumque desiderium ineutit animae subspecie sponsae et sponsi, caritatis et amoris viis perueniendum docens adconsortium Dei.
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