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Literatur und Kunst des Mittelalters
I
umsetzen. Noch heute gehen die Interpreten darin nicht ein-hellig zusammen, ob nur ein und dasselbe und welcherlei Bett(Sänfte, Hochzeitsbett, Liebeslager) oder ob zweierlei Ruhe-geräte (ein Lager und ein Sitz) gemeint seien.
Neuerdings gewinnt allerdings eine Auffassung des Hohen-liedes Boden, die auch für diese Frage die bestimmte Entschei-dung zu bringen scheint. Man weist hin auf die überraschendverwandte, heute unter dem Landvolk Syriens und Palästinasübliche siebentägige Hochzeitsfeier im Frühling: dabeibildet die festlich eingeholte, bunt gepolsterte Dreschtafel (einschlittenartiges Dreschgerät) auf blumiger Tenne den Thronfür das als König Salomo und seine Königin gefeierteHochzeitspaar, und die körperlichen Reize, der prächtigeSchmuck dieses Paares werden in typischen Preisliedern von demHochzeitsgeleit verherrlicht.
Im 'Canticum canticorum' erkennen nun viele Erklärer einenKranz derartiger ländlicher Hochzeitsgesänge und Hochzeits-spiele 1 ), verstehn den König Salomo und seine Geliebte Sula-mith 2 ) demgemäß auch nur figürlich als typische Bei-spiele von höchstem Liebesglück. Trifft diese Auffassungzu 3 ), so könnte es sich hier nur um ein einziges Hochzeitslagerund um das Hochzeitsgeleit handeln, das dieses Paradebett alsEhrengarde umgibt.
Über die Geschichte der gelehrten Exegese des Hohenliedesim Judentum und im Christentum besitzen wir verdienstlicheDarstellungen 4 ). Aber noch fehlt ein Versuch, den lebendig
x ) Vgl. Wetzstein, Bastians Zeitschrift für Ethnologie Jahrg. 5(1873), S.270ff. und beiFranz Delitzsch, Biblischer Kommentar überdie poetischen Bücher des Alten Testaments, 4. Bd., Hoheslied, Leipzig1875, S. 162-177; Budde, Preußische Jahrbücher, Bd. 78 (1894),S. 92ff.; B. Stade, Geschichte des Volkes Israel Bd. 1 (1887), S. 292,Bd. 2 (1888), S. 197f.; E. Kautzsch, Die heilige Schrift des AltenTestaments übersetzt, Beilagen, Freiburg i. B.., Mohr, 1894, S. 210f.
2 ) Vulgata 6, 12; 7, 1 Revertere, Sulamitis, reverlere, revertere utintueamur te. Quid videbis in Sulamite, nisi choros castroruml Sulamitisd. h. die Sulamitin oder Sunemitin, die aus der Stadt Sunem stammendeAbisag, von deren Schönheit und Liebesschicksal mit dem greisen KönigDavid und seinen Söhnen Adonia und Salomo 3. Kön. (Luther: l.Kön.)1, 3f. 2, 17—24 erzählen.
3 ) Vgl. Exkurs 4, unten S. 96.
4 ) Edouard Cunitz, Histoire critique de l'interpretation ducantique des cantiques Strassbourg 1834 (These für das theologische