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Literatur und Kunst des Mittelalters
II
Ich glaube: nicht immer. Gerade in der volksmäßig ge-haltenen, nicht gelehrten Kunstdichtung des deutschen Mittel-alters findet sich ihr Gebrauch besonders zur Manier erhoben.Vielfach hat, meine ich daher, die bildende Kunst, die so vielstärker die Phantasie der Laien beeinflußt, die Vermittlungübernommen oder wenigstens fördernd mitgewirkt.
Ein Spruch, der nicht weit nach der Mitte des zwölftenJahrhunderts entstanden sein kann, bringt eine Reihe vonPersonifikationen (Müllenhoff und Scherer, Denkmäler 2 , S. 492):
Übermuot diu alte
diu Titel mit gewalte:
Untrewe leitet ir den vanen.
Girischeit diu scehet dane
ze scaden den armen weisen.
diu lanl diu slunl wol alllche envreise.
Mit Recht hat Scherer (Gesch. d. dtsch. Dichtung im elftenund zwölften Jahrhundert, Quellen und Forschungen 12, S. 109Anm.) versucht, das direkt oder indirekt an bildliche Dar-stellungen anzuknüpfen, wie sie das Miniaturenwerk des'Hortusdeliciarum' der Herrad von Landsberg (1165—1175) enthält.Die Superbia stürmt hier 1 ) dahin auf wildanspringendem, miteinem Löwenfell bedeckten Roß an der Spitze eines mitRingpanzer, geschlossenem Helm, Schild, Schwert und Lanzegerüsteten Gefolges von weiblichen Fußkämpfern, die alle dieLanze hoch erhoben und zum Angriff ausgestreckt halten.Vom Löwenfell hängt auf dem hinteren Rückenteil des Rossesder Superbia der Löwenkopf mit gewaltiger Mähne herab;über den Kopf des Pferdes zwischen seinen Ohren, seine Mähneverstärkend, der Löwenschweif; vorne hängen zwei Löwenfüßemit kralligen Pranken. Das zaumlose Pferd bleckt die Zähneund bläht die Nüstern, die Reiterin sitzt hoch aufgerichtet,das Haupt bedeckt mit einem turmartigen Turban, mit weit
x ) Vgl. Moritz Engelhardt, Herrad von Landsperg und ihrWerk, Stuttgart und Tübingen 1818; H. Janitschek, Geschichte derdeutschen Malerei, Berlin 1890, S. 109 —112 (mit Abbildung der Superbiaohne ihr Gefolge); Hortus deliciarum par Herrade de Landsberg, Publieaux frais de la Societö pour la conservation des Monuments historiquesd'Alsace. Reproduction heliographique. Texte explicatif par A. Straubet G. Keller, Lieferung 7, Straßburg 1895, Tafel XLIII S. 34. Vgl.auch den Exkurs 2 am Schluß dieser Erörterung, unten S. 95.