Nachleben des griechisch-römischen Altertums 57
und die von ihm abstrahierte Theorie. Bei ihm erscheinen'Schreck' und 'Furcht' (Jel^tog und 0ößog) als Begleiter derEris (Ilias IV 440), als Diener des Ares, ihm die Rosse an-schirrend (XV 119) und im Geleit der Gorgo (XI 37). Den'Neid' (<M6vos) läßt der Alexandriner Kallimachos in Personauftreten (Hymn. in Apoll. 105). Dichtung und Redekunstder älteren griechischen wie der hellenistischen Zeit bildendiese Vermenschlichung von Abstrakten, die sogenannte 'Proso-popoiia' zu einer festen Stilfigur aus. In den Anfangskursender Rhetorenschulen, den Progymnasmata, wurde sie geübt,in den für diese bestimmten Lehrbüchern empfohlen und durchBeispiele erläutert 1 ). Vergil versammelt in dem Vorhof desOrcus die Personifikationen Farnes, Egestas, Ludus, Curae,Morbi, Senectus (Aen. VI 274ff.), läßt die Fama als Personauftreten (Aen. IV 173ff.); Ovid kennt als Begleiter desAmor die Trias Blanditiae, Error, Timor (Amor. I 2, 35), ver-einigt Frigus, Pallor, Tremor, Farnes (Met. VII 790ff.), führtdie im Kimmerischen Nebelland gelegene Höhle des Somnusein (XI 586 ff.), das Haus der Invidia (II 760 ff.) und nach demVorbild Vergils (Aen. IV 173ff.) und angeregt durch die vonHesiod (Erga 764) zur Gottheit erhobene &fytr} (vgl. SophoklesOedip. tyr. 158 ä^ißgore (Pdfia), schafft er in dem Haus der Fama,darin sie umgeben von vielen dienstbaren Geistern (Crediilitas,Error, vana Laetitia usw.) residiert (IX 137f., XII 43ff.), eineweit und lange, über das Mittelalter hinaus wirkende vorbild-liche Konzeption. In der Rhetorik des ersten bis dritten Jahr-hunderts n. Chr. bei den sogenannten jüngeren Sophistenwuchern die Personifikationen dann am üppigsten.
II.
Auf welchem Wege kamen nun diese beiden Stilmittel,die Beschreibungen von wunderbaren Kunst- und Bauwerkenwie die Personifikation, in die nationalen Literaturen desMittelalters? War das Medium ausschließlich die geistlichelateinische Literatur und die Theorie der mittelalterlichenlateinischen Poetiken und Rhetoriken?
x ) Vgl. Richard Volkmann, Die Rhetorik der Griechen undRömer 2 , Leipzig 1885, S. 280f.
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