Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

Nachleben des griechisch-römischen Altertums 55

Eine Zwischenbemerkung sei gestattet. Die mittelalter-lichen Handbücher des Stils, soweit sie in die Poetik übergreifen,berühren auch die eigentlich künstlerische Darstellung, z. B.die Komposition. Man hat gemeint, des Mittelalters Bar-barei zeige sich darin, daß ihm der von Homer und Vergilgeübte Kunstgriff verloren ging, die epische Erzählung nichtals fortlaufenden Faden von Anfang zum Ende auszuspinnen,sondern ihren wichtigsten Teil an einem Höhepunkt der Hand-lung den Helden Odysseus und Aeneas in den Mund zu legenals Selbstbericht, der mit Unterbrechung des chronologischenGangs vorausliegende Ereignisse nachholt. Als Beispiel dieseskünstlerischen Mangels des Mittelalters führt man dann die'Eneide'Heinrichs von Veldeke an, die ja in der Tat ein Rückfallin die primitive Vortragsart des Annalisten ist. Aber die Kennt-nis der Vergilischen Komposition und ihrer Bedeutung hatdurchaus nicht allen mittelalterlichen Stiltheoretikern gefehlt.Der allerdings besonders gebildete, in den antiken Autorenfast wie ein Humanist belesene Konrad von Mure, einSchüler der italienischen Rhetoriklehrer Buoncompagno undGuido Faba, Verfasser eines Gratulationsgedichts auf Rudolfsvon Habsburg Wahl und Krönung, ferner eines Geschichts-werkes in Versen über dessen Sieg auf dem Marchfelde wieeines alphabetischen Handbuchs der antiken mythologischenSagen, unterscheidet in seiner 'Ars dictandi' von 1275 dennaturalis und den artificialis ordo der epischen Darstellung,definiert beide treffend und gibt für den letzteren die 'Aeneis'Vergils als Beispiel x ). Es wäre zu untersuchen, wie weit diese Ein-sicht im Mittelalter verbreitet und wirksam war und seit wann.Letzten Endes stammt die Stilmanier der Personifikationin der mittelalterlichen Dichtung aus der sogenannten jüngerenSophistik der römischen Kaiserzeit des 1.3. Jahrhundertsnach Chr. und wurzelt im Hellenismus. Von dorther auchererbt sind die in mittellateinischer Dichtung, ebenso aber inlandessprachlicher Poesie so häufigen ausführlichen poe-tischen Beschreibungen wunderbarer Grotten,Bauten und Kunstwerke, die in den von der griechischenRhetorik geliebten und vorgeschriebenen k^qüaei^) ihre lange

*) Vgl. den Exkurs 1 am Schluß dieser Betrachtungen, unten S. 94.2 ) Vgl. Erwin Rohde, Der griechische Roman, Leipzig 1876,S. 335 und Anm. 3.