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Literatur und Kunst des Mittelalters
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illustrierten geistlichen Enzyklopädie der frommen ÄbtissinHerrad von Landsberg im elsässischen Kloster Hohenburg,dem 'Hortus deliciarum', auf den ich noch öfter zurückkommenwerde, sehen wir bei der Darstellung der Schöpfung den gött-lichen Schöpfer in der Gestalt Christi, wie er durch Aufhebender Rechten die Luft und durch Ausbreiten der beiden ge-senkten Hände das Meer, die Flüsse und Quellen hervorbringt.Die Luft erscheint als stürmisch reitender Mann mit wehendemMantel und flatterndem Haar, sitzend auf einem wild an-sprengenden Greifen, dessen Hals seine Linke umklammert,während seine Rechte einen Rehälter schwingt, woraus Rlitze,Schnee und Regen herabstürzen; seinem Munde entströmenLuftwellen; rings um ihn in den vier Ecken die vier Windeals Menschenköpfe, die aus weit aufgerissenem Munde Luftaussprühen. Der Ozean ist weniger dramatisch dargestellt:als eine nur mit einem Lendenschurz bekleidete, sonst nackteMännerfigur, bis zum Leibe im Wasser sitzend, auf dem Haupteeine hohe Kappe, in der Rechten einen Fisch, in der Linken denDreizack Neptuns haltend. Rei dieser Anlehnung an die heid-nischen Attribute ist der Äbtissin oder ihrem Gewährsmannnicht ganz wohl; sie rechtfertigt sich gleichsam durch dieallegorische Regründung: aqua est lavilis, nabilis, labilis etideo fingitur tridentem habere 1 ).
Die Quellen dieser gekennzeichneten figürlichen Denk-und Ausdrucksweisen scheinen mir durchaus verschieden zusein: orientalische, griechische, römische. Ohne im einzelnenhier heute eine Entscheidung treffen zu wollen, möchte ichnur aussprechen, was meines Wissens bisher von den Literar-historikern des Mittelalters nicht klar erkannt ist: die Per-sonifikation von Abstrakten und ihre Darstellung in voll-kommen dramatischen Allegorien ist ein festes Requisit dermittelalterlichen lateinischen Schulpoesie, das die mittel-alterlichen lateinischen Poetiken und Rhetoriken,diese von den Germanisten, Romanisten, Anglisten kaum be-achtete und in ihrer weitgreifenden Redeutung noch gar nichterkannte Hauptquelle der poetischen Technik der landes-sprachlichen Dichtungen, fordern und mit Reispielen belegen.
a ) In der unten S. 58 Anm. 1 näher bezeichneten Ausgabe vonStraub-Keller, Tafel IV, S. 4.