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Literatur und Kunst des Mittelalters
Glaube an ein Wesen, wenn es von den verschiedensten Dichternals persönlich vorgeführt und als bekannt vorausgesetzt wird,im Glauben des Volkes leben und seinen alten Traditionenentnommen sein.' Hier wird mit zwiefachem Vorurteil Er-findung und literarische Tradition der mittelalterlichen, stän-disch beschränkten Kunstpoesie ohne weiteres abgeleitet ausdem Glauben des Volkes, und es wird außerdem der mittel-alterliche Glaube des Volkes ohne weiteres gleichgesetzt heid-nisch-germanischer mythischer Tradition, als hätte das zwölfteund dreizehnte Jahrhundert keinen ein halbes Jahrtausendalten Christianisierungsprozeß hinter sich.
Das wird heute niemand mehr glauben. Kein Sachkundigerzweifelt mehr daran, daß diese Personifikationen durchaus imRahmen der christlichen Bildung und der literarischen Traditiondes Mittelalters entstanden sind. Ja, man hat längsL gesehen,daß gerade geistliche Kreise, daß gerade geistliche christlichedeutsche Dichtung sie lieben, und der früh verstorbene fein-sinnige Ludwig Bock 1 ) hat vor Jahren z. B. Analogien zuWolframs Personifikationen von Abstrakten in der früherengeistlichen deutschen Dichtung aufgezeigt.
Weniger allgemein verbreitet ist die Einsicht, daß derGebrauch solcher Personifikationen in der lateinischen Schul-dichtung des Mittelalters besonders heimisch ist, obwohl längstaus dem Buche von Kuno Francke 2 ) über dieses so sehrvernachlässigte Gebiet der Literatur das Richtige zu ent-nehmen war. Auch ein ausgezeichnetes gelehrtes Gymnasial-programm von Karl Raab 'über 4 allegorische Motive dermittelalterlichen Literatur' (Berlin 1885), welches das gleichelehrt, hat immer noch nicht genügende Beachtung gefunden,und die von ihm gewiesene Bahn ist nur wenig beschrittenworden. Daß die Sitte der Personifikation von der lateinischenSchulpoesie nicht aus der nationalen Poesie entlehnt sein kann,muß jeder zugeben, denn sie ist in jener weit älter als in dieser.
Aber freilich es bleiben noch genug Fragen und Bedenkenüber die Art und Weise, wie und woher der Eintritt dieser Per-sonifikationen in die nationale Literatur sich vollzog.
x ) L. Bock, Wolframs von Eschenbach Bilder und Wörter fürFreude undLeid. Straßburg, Trübner, 1879 (Quellen U.Forschungen33).
2 ) Kuno Francke, Zur Geschichte der Lateinischen Schulpoesiedes XII. und XIII. Jahrhunderts. München, Th. Riedel, 1879.