Nachleben des griechisch-römischen Altertums 51
fort. Die Art dieses Nachlebens und sein Umfang bleibt näherzu ergründen. Aber mehr als dies bedeutet für uns: auch diein nationaler Sprache dichtenden Kunstdichter des Mittelalterssind mehr oder weniger berührt und beeinflußt durch dieselateinische Bildung und ihre Literatur.
Diese lateinische Bildung des Mittelalters, die ganzEuropa gemein war, zehrt einerseits aus dem Erbe des römischenAltertums, sie hat anderseits neue eigenartige internationaleGüter geschaffen, zu welchen alle Völker des Abendlandesbeigesteuert haben.
Die Aufgabe der mittelalterlichen Literaturgeschichte wirdes fortan sein, die altdeutsche Literatur in ihrer Abhängigkeitvon der lateinischen zu erkennen und streng das wirklichnationale von dem universalen zu scheiden.
Unter diesen Gesichtspunkten bitte ich die nachstehendenanspruchslosen Bemerkungen aufzunehmen: sie wollen dieÜberzeugung verstärken, daß die altdeutsche Philologie guttut ihre Grenzen nach zwei Seiten zu erweitern, und daß sieaus der Berücksichtigung der Entwicklung der Kunst wie ausder Heranziehung der lateinischen Literatur bedeutsamen Zu-wachs gewinnen soll.
I.Jacob Grimms Deutsche Mythologie enthält ein eigenesKapitel über Personifikationen (Kap. XXIX). Bei mittel-hochdeutschen Epikern und Lyrikern erscheinen oft frou Minne,frou Triuwe, frou Ere, frou Starte, frou Scelde. Das sollte nach seinerMeinung aus uralten heidnischen germanischen Vorstellungen her-vorgegangen sein und mythische Anschauung göttlicher Künstedarin nachleben. Ignaz Vincenz Zingerle glaubte (GermaniaBd. 2 [1857] S. 436ff.) Grimms Auffassung stützen und be-stätigen zu können und seine mythische Frau Sselde als 'mäch-tige geisterhafte Frau' wiederzufinden in tirolischer Volksüber-lieferung von der Frau Selga, der Schwester der Frau Venus,die 'in den Fron Vasten' mit gespenstischem Gefolge umherziehtund die binnen eines Jahres dem Tode Verfallenen bestimmt,auch alle verborgenen Schätze kennt (aus einem Protokollvon 1525 über das Verhör einer Wahrsagerin). Zingerle recht-fertigte Jacob Grimms Erschließung einer mythischen Gestalt,die sich unter Frau Sselde berge, mit dem Satz: 'Es muß der