Druckschrift 
1,1 (1925) Mittelalter
Entstehung
Seite
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Nachwort und Ausblick

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So scheint, was ich einst vorhersagte, sich über Erwartenzu erfüllen. Aber es scheint nur so. Daß die erwarteteun-vermeidliche Erkenntnis" bereitsan entscheidender Stelle"gewonnen sei, habe ich bisher nicht bemerkt. Und dernatio-nale Charakter", dessen Emporrücken ich in der enthu-siastischen Torheit der Jugend von einer nicht zu fernen Zu-kunft erhoffte, wo zeigt er sich? Ist nicht Deutschland ge-spaltener denn je?

Ich sehe ab von dem unvermeidlichen Kampf der poli-tischen Parteien: er hat gehässige Formen angenommen underschöpft sich mehr und mehr in einem Wettlauf um materielleInteressen. Längst aber verhöhnen uns die gebildeten Aus-länder mit Recht, weil wir im gesellschaftlichen Lebenwie bei der Verteilung der öffentlichen Gewalten durch einmandarinenhaftes System von Rang-, Klassen- und Berufs-abstufungen unsere mit unsäglichen Opfern errungene nationaleEinheit zerstückeln. Neu und noch bedenklicher ist eine Er-scheinung unserer Tage: die steigende Zerrissenheit unseresgeistigen Lebens. Die Gegensätze der deutschen Stämmesind wieder aufgelebt und ins Erschreckende gewachsen:harmlose, unbedachte Eigenbrödelei, kleinliche Mißgunst undEifersucht, auch häßlicher, bösartiger Geschäftsdrang feiernunter dem Schild der Heimatsliebe Feste landschaftlicherSondersucht. Bis in die wissenschaftliche Welt reicht die stille,zähe Kraft, zuweilen auch der laute Widerstand dieser gegen-seitigen partikularistischen Abneigungen. Es ließe sich ein

Beiträge zum Grimmschen Wörterbuch mit Aufmerksamkeit und Ehr"furcht gelesen. Bei uns spottete man über ihren Umfang und die Lang"samkeit ihrer Erscheinens. Ob man Hildebrand einengroßen Philo-sophen" nennen darf, lasse ich dahingestellt. Eine ungewöhnliche undzwar genial schöpferische philosophische Begabung war ihm eigen,wie das Moritz Haupt schon an dem Studenten erkannt hat. Dazu kameine umfassende, überall auf Durcharbeitung der Quellen gegründeteKenntnis antiker, mittelalterlicher, neuerer Philosophie. Seine auskongenialem Geist fließende Vertrautheit mit der deutschen Mystikhatte nicht ihresgleichen. Von der persönlichen Wirkung dieses wunder-vollen Menschen will ich hier nur dies sagen: in einer einzigen Vorlesung,in einem einzigen Gespräch konnte er dem ihm Zuhörenden Eindrückegeben, die dessen ganzes inneres Leben bestimmten und empfundenwurden wie der Sonnenaufgang eines höheren Daseins, wie eine Be-flügelung zu Fahrten des Siegs.