Über deutsche Erziehung
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Wir haben keinen Grund, durch lebhafte Agitation oderleidenschaftliche Forderungen die Entwicklung gewaltsam zubeschleunigen. Uns treibt ja nicht „Überschwang des Gefühls",nicht „unklare Empfindung", auch keine „persönliche Lieb-haberei", wie Gegner des altdeutschen Schulunterrichts gernglauben machen. "Wir können ruhig warten, bis die allgemeineMeinung der Urteilsfähigen gesprochen hat, bis an entscheidenderStelle die unvermeidliche Erkenntnis gewonnen ist, daß dieHypertrophie des Intellekts, an der unser Volk leidet,nicht durch Physik und Mathematik geheilt werden kann, daßdie sich bereits ankündigende Atrophie des sittlichenWillens und des Gemütes eine von Grund aus andere Therapieerfordert, als sie das alte Gymnasium bietet.
Denn wer zu Goethe steht und von ihm gelernt hat, daßdie Ausbildung der eigenen Persönlichkeit für den einzelnenMenschen wie für ein Volk das wahre Heil ist, wem es an denGriechen aufgegangen ist, daß sie deshalb so groß gewordensind, weil sie sein durften und wollten, was sie waren, der wirddie geschichtliche Selbsterkenntnis, welche den eigent-lichen Inhalt der gesamten deutschen Geistesbewegung seitder Reformation ausmacht, als die Bedingung einer nationalenKultur unseres Volkes erkennen und einsehen, daß die höhereSchule sich auf die Dauer der Pflicht nicht entziehen kann, dieHüterin und Pflegerin derjenigen Mächte zu sein, durch dieunser Vaterland wieder emporgekommen ist und die es einzigin seiner Kraft, mitten zwischen fremden feindlichen Nationen,gegen die Gewalt nivellierender internationaler Strömungen er-halten können. Auch in Frankreich, das sich von seinem tiefenFall aufzurichten sucht, indem es die angeborenen Kräftesammelt und regeneriert, hat die Schule ihren nationalen Beruferkannt: dort wird seit einigen Jahren auf den Gymnasien diealtfranzösische Sprache und Literatur gelehrt, und im Landedes akademischen Zopfs und des Naturalismus, im LandeVoltaires und der großen Atheisten lesen jetzt die Sekundanerdas alte Rolandslied! Fast könnte es daher scheinen, als be-
als im Lateinischen, Griechischen, der Mathematik, — die Religionmeinen wir und das Deutsche" (Bemerkungen zu den neuen Lehrplänenin den Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik Bd. 126 S. 399); vgl.auch Jäger, Aus der Praxis, Wiesbaden 1883, S. 83f.