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Richtlinien
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Gemütslebens? Das klassische Altertum hat ja so großePersönlichkeiten, so bedeutende Charaktere hervorgebracht, esist so reich an tiefen und edlen Naturen, so reich an den lieb-lichsten wie den gewaltigsten Kunstwerken: all das müßtedoch auch Herz und Gemüt und Willen des heranwachsendenJünglings entzünden, ihn begeistern für die Herrlichkeit derAntike und auch im späteren Leben ihn immer wieder zu ihrzurückführen, als der unversiegbaren Quelle der Erquickungund Stärkung für das Wirken im Dienste des eigenen Vater-landes.
So sollte es sein. Ist es so ? Ich denke, wir müssen leidernein antworten. Das Herz des heutigen Gymnasiasten bleibtin der Regel die langen Jahre seiner Schulzeit hindurch vonder antiken Hoheit ungerührt. Mit dem Gymnasium lassenheute alle Nichtphilologen das Altertum für immer hinter sich,die meisten denken nur selten und dann mit einem gewissenGrauen an die Zeit zurück, da sie mit Latein und Griechischsich plagen und vor Bildnissen anbetend niederfallen mußten,die ihrer Seele fremd und gleichgültig blieben. Was füllt nundiese Lücke aus, die das Gymnasium in der Ausbildung desinneren Menschen läßt? Der Religionsunterricht? Ach nein!Die Zeiten, wo Gerhardt voll kindlichen Gottvertrauens seinegeistlichen Volkslieder sang, die Zeiten der sentimentalenFrömmigkeit des 18. Jahrhunderts und nicht minder die Zeitdes resoluten, ein wenig hausbackenen Christentums unsererGroßeltern sind längst geschwunden.
Es bleibt also dabei: der gegenwärtige Gymnasialunter-richt bildet wohl Verstand und Urteil, bildet Kritik und viel-leicht auch Geschmack, erweitert den geistigen Gesichtskreis,steigert die Aufnahmefähigkeit von Eindrücken, regt diegesamte Denktätigkeit an, aber läßt — in den meistenFällen — die andere Hälfte des Menschen, die seelische,gemütliche, sittliche oder wie man sie nenne, unberührt undunentfaltet.
Und nun rufe man sich ins Gedächtnis die immer ge-steigerten Klagen über die Zerfahrenheit und Verwilderungunserer Zeit, über den Rückgang der Sittlichkeit und desIdealismus, über die Abnahme der ästhetischen Interessen,über das Schwinden der Begeisterungsfähigkeit, über unsereblasierte, weltkluge Jugend, über den Mangel an Ehrfurcht