Vorlesung über Walther von der Vogelweide
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einer leeren Geschichtsbetrachtung an die Sonne des Tags, indas Licht des begreifenden Verständnisses heraufzuführen.
Im März des Jahres 1899 habe ich gleich so manchemFreund der deutschen großen Vergangenheit im Dom zu Palermogestanden an den riesigen Sarkophagen der beiden größtenmittelalterlichen Kaiser, Heinrichs VI. und seines unglücklichenSohnes Friedrichs II. Es war um die Mittagszeit, der Sakristan,der mich von wiederholtem Besuch schon kannte, hatte mir dasGitter, das die Grabmäler umgibt, geöffnet und mich dann in derweiten Kirche allein gelassen. In der Stille und Einsamkeitwirkten diese riesigen roten Porphyrsärge durch die grandioseWucht ihrer edeln Verhältnisse überwältigend. Wie so manchendeutschen Wandersmann, der vor mir an dieser Stätte weilte,ergriff auch mich die tragische Größe und die weltgeschichtlicheMacht der beiden Gewaltigen, die in dieser Steinhülle ruhten,bis ins Mark.
Aber im Angesicht dieser schweigenden Majestät des Todes,wo menschliche Gewaltfülle und menschliche Vergänglichkeitzusammenklingen, tat ich in meinem Innern ein Gelübde, alleKraft dafür einzusetzen, daß der Wahn zerstört werde, der dasBild dieser beiden Staufer, ihres Werkes und ihrer Zeit in derVorstellung der modernen Menschen umgibt. Es muß möglichsein, es muß mit aller Energie danach gerungen werden, daßauch die Seelen dieser Herrscher-Heroen eine Stimme finden,um zu uns zu reden, daß wir ihre innersten Motive verstehn,ihre Geistesrichtung erkennen, daß sie aufhören, uns als über-menschliche barbarische Riesen zu erscheinen, daß wir sie undihre schwächeren politischen Gefährten, den Staufer Philippvon Schwaben, den Weifen Otto von Poitou, begreifen lernenals Zeitgenossen und Anreger der hinreißenden Dichtung einesgenialen Dichters, als Hörer und Kenner der vollendetenfeinsten Kunst ihres begeisterten Herolds.
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