18
Richtlinien
weit zerstreut in Handschriften verborgen, die bisher nur ge-legentlich und höchst ungenügend benutzt worden sind.
Walther ist der Dichter nationaler Weltpolitik, einKämpfer für das deutsche Kaisertum. Dies war aber universal,war ein Weltkaisertum!
Auf seiner Weltwanderung hat er: Seine, Po, Ungarland,Mur, Trave gesehen (31, 13; 56, 30):
Ich hän lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
künde ich ie min herze bringen dar
daz im wol gevallen
wolde fremeder Site . . .
tiuschiu zuht gät vor in allen.
Das nationale Pathos des Dichters wurzelt in universellerWeltkenntnis. In lebendiger Anschauung der größten Epochedeutscher Kaiserherrlichkeit. Als Friedrich Barbarossa aufseiner Höhe stand, war Walther ein Kind; da sein gewaltigerSohn Heinrich VI. die Weltherrschaft Deutschlands in Wirk-lichkeit umsetzte und vor seiner Macht die Könige von Englandund Frankreich, die Gebieter von Byzanz und Afrika auf ihrenThronen zitterten, begann Walther die ersten Schritte seinerpoetischen Laufbahn; als der geniale Friedrich das Kaisertumerlangte und den ererbten Kampf seiner Vorfahren aufnahmwider die Omnipotenz des Papsttums, stand Walther auf derHöhe seines Ruhmes und war ein geehrter Vorkämpfer derkaiserlichen Politik.
Wir sind es müde, das deutsche Mittelalter als einen wüstenHaufen von Regierungszahlen deutscher Könige und Kaiser,von Daten verworrener Kriege, Fehden, Empörungen zu be-trachten. Es genügt uns auch nicht, einen Überblick zu gewinnenüber die wirtschaftlichen Tatsachen und die Entwicklung dersozialen Verhältnisse.
Wir lassen uns nicht mehr abspeisen mit der alten Fabel:die Geister der mittelalterlichen Menschen sind uns verschlossen,in die Seele eines Barbarossa, eines Friedrich des Zweiten istuns jeder Einblick versagt. Wie Goethes Faust die Helena insLeben zurückrufen will, so verlangt uns, jene großen Gestaltender Vorzeit als fühlende, lebendige Menschen aus den Gräbern