Vorlesung über Walther von der Vogelweide 17
Sie schreibt eine Geschichte der mittelalterlichen deutschenPoesie im Wesentlichen als eine Geschichte der poetischenFormen. Versuche universellerer Behandlung wurden besondersdurch Gervinus und Scherer gemacht. Aber sie blieben nur imersten Anlauf.
Was uns not tut ist, daß die einzelnen Disziplinen der mittel-alterlichen Geschichtswissenschaft Fühlung mit einander ge-winnen: Politische Geschichte des Mittelalters; Kunstgeschichtedes Mittelalters; Literaturgeschichte der mittelalterlichen latei-nischen Literatur und der deutschen sowie der romanischenLiteratur; Geschichte der Wissenschaften. Wir brauchen nebender notwendigen Arbeitsteilung auch eine Arbeitsvereinigung.
Ich habe versucht, in dem Werk über Walther von derVogelweide, dessen erster Band vor zwei Jahren veröffentlichtworden ist, diese Forderungen zu erfüllen.
Wie wurzelt Walthers Poesie in der Bildung ihrer Zeit?Diese Grundfrage habe ich zu beantworten mich bemüht.
Die Kultur des Mittelalters hat viel internationale Elemente.Mehr vielleicht als die hellenisch-römische Kultur des klassischenAltertums. Romanische und germanische Bestandteile mischensich mit ererbten antiken und neuen semitischen, die von Juden,Arabern, Byzantinern, zumal seit den Kreuzzügen, aus denunerschöpflichen Vorratskammern menschlicher Bildung imOrient eingeführt werden.
Walthers Minnesang ist nicht denkbar ohne den Vorgangfranzösisch-provenzalischer Lyrik.
Seine Spruchpoesie ist nicht denkbar ohne die lateinischepolitische Dichtung der Vaganten und die romanische politischeDichtung der Troubadours.
Seine Kunst ist nicht möglich ohne eine gewisse Schul-bildung und schulmäßig angeeignete Technik. Die Theorieder poetischen Kunst, der Poetik, wurde auch im Mittelalter ge-pflegt: natürlich in lateinischem Gewand und auf der Grundlageantiker Tradition. Wir können unsere und ebenso die franzö-sischen und englischen mittelalterlichen Dichter richtig wertenund verstehen nur, wenn wir diesen schulmäßigen Quellen ihrerStilmittel und ihrer Darstellung nachspüren. Hier bleibt aberso gut fast wie alles noch zu tun übrig, die mittelalterlich-Jateinische Schulpoesie und Schulpoetik, Schulrhetorik ruht
Bnidach, Vorspiel. 2