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1,1 (1925) Mittelalter
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Vorlesung über Walther von der Vogelweide

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Ludwig Uhland, der patriotische Sänger, Gelehrte undPolitiker, schrieb 1822 die erste Biographie eines altdeutschenDichters: die Biographie Walthers von der Vogelweide. UndKarl Lachmann, der selbst als Jüngling in den Freiheitskrieggezogen war, schuf 1827 die erste kritisch-wissenschaftlicheAusgabe der Gedichte Walthers:Ludwig Uhland zum Dankfür deutsche Gesinnung, Poesie und Forschung gewidmet." Solautet die Widmung, die deutlich verrät, was der Lakonismusdieser mustergültigen, unübertrefflich wortkargen Ausgabe ver-schweigt: aus nationalen Motiven ist sie entsprungen. UndKarl Simrock, der nationale Lyriker und Übersetzer, gleichfallswie Uhland ein Kind der Bomantik, übertrug Walthers Dichtungzuerst 1833 in neuhochdeutsche Verse, Tiecks ersten Versuchweit überholend.

Die germanistische Wissenschaft hat sich im Laufe desJahrhunderts von den romantischen Tendenzen ihres Ursprungsweit entfernt. Sie hat die anbetende Andacht zum Heimischen,zum Volkstümlichen, zum Kleinen und Unbedeutenden, sie hatdie Überschätzung des Primitiven und Altertümlichen an sich,die Übertreibung des berechtigten Triebs, die deutsche Poesieaus sich heraus zu begreifen, abgestreift. Geschichtliche Ob-jektivität hat romantische Unklarheit abgelöst. Man glaubt,seit Whitney und Scherer, nicht mehr mit Jacob Grimm undSchleicher an den Vorrang der alten Sprachzustände vor denjüngeren, an eine prinzipielle Verschiedenheit der Gesetze, nachdem sich sprachliches Leben in den Urzeiten und später voll-zieht. Man zieht mit Scherer die Konsequenz daraus für dieWertung der Literatur- und Kunstepochen. Man würdigt wohlden Anteil des Volks und der unbewußten Tätigkeit bei dem Ent-stehen und Fortwachsen der Sitte, des Bechts, der Poesie. Alleinman glaubt nicht mehr mit den Bomantikern an eine mystischemomentane Schöpfung des Epos, der Sage, der sittlichen Ge-bräuche durch die Volksgesamtheit.

Aber, meine Herren, in gewisser Beziehung hat die deutschePhilologie bis auf den heutigen Tag eine Art von Einseitigkeitund Enge bewahrt, die sich aus den Tagen ihrer Entstehungherschreibt und erklärt.

Sie war erwachsen an Jacob Grimms wundervoller Ver-tiefung in die jahrhundertalte vielverschlungene Geschichteder germanischen Dialekte, wie sie seine Grammatik seit 1819