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Richtlinien
I
Gelehrten, der Literatur ist nur die Spitze einer breiten Pyramide:des natürlichen elementaren Lebens der Sprache, das ohnekünstlerisches Bewußtsein, ohne individuelle schöpferischeInitiative, ohne planmäßige Verabredung nach inneren festenGesetzen gedeiht. Neben den Begriff der Literatursprache,der Kunstsprache trat der neue Begriff Volkssprache; nebenden Begriff Schriftsprache der Begriff der Mundart.
Volkslied und Volkssage, Volksrecht und Volksglaube sinddie Sphären dieser weniger bewußten, einfältigeren Sprache.
Neben die Aufgabe, den Sprachgebrauch eines Plato, einesSophokles, eines Thukydides zu charakterisieren, trat die neue:Wesen und Art der verschiedenen Dialekte eines Volkes ihrenGesetzen nach zu verstehen.
Die Philologie näherte sich etwas der gleichzeitig auf-blühenden Naturwissenschaft. Sie erkannte, daß die Gesetzeder Sprache nicht von Einzelnen diktiert sind. Daß die Sprachenicht bloß ein geistiges, sondern ein körperliches Phänomen sei.Nicht bloß Buchstabe, sondern vor allem Laut. Daß sie ihreGeschichte hat, welche die Gesamtheit, das Volk schafft.
Im Zeichen dieser neuen Erkenntnis wurde die Wissenschaftvom deutschen Altertum, die deutsche Philologie geboren.
Sie entstand durch den fortreißenden Zug einer nationalenBewegung, aber zugleich durch den Geist der Romantik.
Die deutsche Philologie war ihrem Ursprung nach ein Aktdes Widerstandes gegen den Klassizismus, gegen die Herr-schaft des absoluten Schönheitsideals eines einzelnen fremdenVolkes, sei es des römischen, sei es des griechischen, gegen denRationalismus, d. h. gegen die Autorität der Vernunft, gegenden Kultus des Individuums, der Bildung, der Intelligenz,gegen die aristokratische Lebensanschauung, die in denHöfen, auf den Höhen der Gesellschaft allein Quell und leben-digen Fortgang der menschlichen Kultur erblickte, gegen dieSuprematie romanischer Kultur. Ein neuer Begriff „Volk''gibt der jungen Wissenschaft die Richtung und weist ihr inRecht, Mythologie, Poesie das Unbewußte!
In den Tagen, da die politische Ohnmacht Deutschlandsder staatlichen Fremdherrschaft zutrieb, erwuchs die Wissen-schaft, welche den Namen der Brüder Grimm und Karl Lach-manns trug, unter dem Zeichen der inneren Befreiung derNation.
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