Vorlesung über Walther von der Vogelweide 13
Kultursprachen die Phrasen des häuslichen, touristischen, ge-schäftlichen Tagesbedürfnisses, die Gouvernante parliert inden Phrasen der gesellschaftlichen Tageskonversation. Dassind beides nach der allgemeinen Meinung achtbare und derWelt nützliche "Wesen. Aber der Philolog druckst an meistenssehr alten, meistens sehr langweiligen Texten verstorbensterSkribenten und Dichter so lange herum, bis er jedes einzelneWort und jede einzelne Form darin säuberlich interpretiertund klassifiziert, d. h. auf irgend einen Paragraphen des gramma-tischen oder metrischen oder stilistischen Regulbuchs zurück-geführt hat. Das ist ein gemeingefährlicher Wicht. Ein Feinddes frischen, fröhlichen, realen Lebens! Und auf ihn wendetman mehr oder minder offen und entschieden an das GoethischeWort vom Rezensenten: „Schlagt ihn tot den Hund, es istein Philolog!"
In Wirklichkeit war die Philologie längst von jenem Zustandweit entfernt, dem dieses Zerrbild einigermaßen ähnlich sehenkönnte.
Grammatischer Formalismus, stumpfsinniger Observations-kultus, wie er sich im 17. und 18. Jahrhundert bei Holländernund Deutschen in den dickleibigen notenreichen Editionen undAdversarien breit machte, ist ja längst, seit dem Anfang des19. Jahrhunderts durch große befreiende Philologen überwundenworden.
Und in dieser Zeit wurde der Philologie ihre wahre Aufgabeim wissenschaftlichen Bewußtsein erkämpft: sie soll die Inter-pretin sein nicht grammatischer Formen und Schulregeln,sondern poetischer Kunstwerke, des literarischen, des allge-mein geistigen Lebens einer Nation. Herder, Friedr. Aug. Wolf,Boeckh, Welcker, K. Lehrs, Lachmann, Karl Otfried Müller,Mor. Haupt, v. Wilamowitz haben in diesem Zeitraum diesogenannte „klassische" Philologie regeneriert zu einer Wissen-schaft von dem nationalen Geistesleben der höchsten Kultur-völker der Erde, der Hellenen und Römer.
Aber außerhalb der „klassischen" Philologie wurde gleich-falls seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine besondereneue Aufgabe der Philologie entdeckt und durch großartigewissenschaftliche Leistungen bewährt: auch die Sprache, welchenicht in der Literatur fixiert ist, hat ein Recht auf wissenschaft-liche Erforschung. Die Sprache der Bildung, der Dichter und
'| II