I
:
I
!
12
Richtlinien
lehrtensprachen, Kultus- und Kirchensprachen gegeben undgibt es zum Teil noch jetzt, die über die nationalen Grenzenhinausreichen. Aber das sind keine lebendigen Sprachen,sondern Buchstabensprachen, tote Sprachen. Die wahre, dielebendige Sprache ist immer national und partikulär, immerindividuell und temporär. Sie ist ewig, aber niemals stabil.Ein fließendes Gewässer, in dem kein Tropfen still steht. Undanderseits: ein Gewand, das jeder trägt, das aber auf einesjeden Leib anders aussieht und das kein einzelner gemacht hat.
Auf keinem Gebiet der Äußerungsformen menschlichenGeistes zeigt sich die unendliche Mannigfaltigkeit der Indivi-dualität und die unerschöpfliche Neuerungs- und Schöpfermachtder Natur, die grenzenlose Veränderlichkeit und Ehtwicklungs-fülle des geschichtlichen Lebens überwältigender als in denWandlungen und Gestaltungen der Sprache, des sinnvollenWortes.
Die Philologie als die Wissenschaft von den nationalenFormen und den geschichtlichen Entwicklungen des sinnvollenWortes ist zugleich die Offenbarerin tiefster und edelster Ge-heimnisse. Sie trägt die Leuchte in die verborgenen Gründe,wo die Wurzeln der Nationalität der Völker, der geistigenEigenart der Jahrhunderte und Generationen, der Individualitätder einzelnen großen Denker und Dichter liegen.
Die höchste Leistung der Sprache ist die künstlerische An-wendung des Wortes: die Poesie, die Literatur. Hier blüht dassinnvolle Wort in seiner reinsten und edelsten Entfaltung.Um sie hat daher die Philologie sich, solange sie besteht, zuerstund am meisten bemüht.
Es hat Jahrhunderte hindurch die Philologie nur be-standen als Magd für das Verständnis und den Genuß nationalerLiteraturen oder genauer gesagt: ihrer hervorragendsten lite-rarischen Werke. Aber diese Magd ist zuweilen frech geworden,hat die Herrin gespielt. Und noch heute wirkt diese jahrhundert-lange Tradition unüberwindlich nach in den Kreisen aller Laien,d. h. aller Nichtphilologen. Für sie, für die große Masse, dieauf dem Markt des Tages, in den Parlamenten, in der Pressedie öffentliche Meinung schafft, bedeutet Philologie das höchstunfruchtbare Vermögen, einen Text sprachlich in allen gramma-tischen und sonstigen formalen (also z. B. metrischen) Einzel-heiten zu verstehen. Der Hotelportier beherrscht in drei bis vier
■HBHIH