Vorlesung über Walther von der Vogelweide H
Hermes des Praxiteles, von der simpelsten Bildkritzelei an einerSteinwand bis zu den Fresken Michelangelos und Raffaels imVatikan.
Alle diese Ausdrucksformen des menschlichen Geistes-lebens wenden sich an die äußern Sinne, das Auge oder dasOhr: nur durch unbestimmte Symbole und Zeichen, durchunbestimmte Ahnungen dringen sie auch tiefer ins Innere desAufnehmenden, bis an die Pforte des Bewußtseins.
Allein in der Sprache redet menschlicher bewußterGeist unmittelbar, sicher und klar zum menschlichen bewußtenGeist. Nur der in Worte gefaßte Sinn gibt das geistige Mit-einanderleben der Menschen, der einzelnen wie der Stämmeund Völker wieder. Nur in und mit der Sprache gibt es Reli-gion, gibt es Recht, gibt es Poesie, gibt es endlich überhauptein entwickeltes Denken. Das Johanneische h &Qxfj i\v b löyog:,,Im Anfang war das Wort" hat seine tiefe Wahrheit: wennwir auch ein Denken ohne Worte und über den Worten aner-kennen müssen — so weit wir rückwärts schreitend in die Ur-sprünge menschlichen Lebens vordringen, überall steht dasWort, steht die Sprache am Anfang dieses menschlichenLebens.
Die Philologie nun ist die Wissenschaft, die dem Zusammen-hang zwischen Wort und Sinn nachforscht, die die Einheitvon Wort und Sinn ergründen will. Aber nicht auf dem Wegeder Spekulation, nicht durch allgemeine vernünftige Ge-dankenprozesse. Sondern indem sie die unendliche Vielheitvon Erscheinungsformen dieses Zusammenhangs zwischen Wortund Sinn durch die gesamte Geschichte der Menschheit ver-folgt. Diese ungeheure Fülle philologischer Phänomene sondertund gliedert sich aber in Gruppen und innerhalb von Grenzen,welche durch ethische Unterschiede bedingt sind. Die Wissen-schaft der Philologie ist darum die Wissenschaft von denNationalitäten. — Die anderen Ausdrucksformen geistigenLebens sind universal, allweltlich: Kleider und Moden, Werk-zeuge und Geräte, Münzen und Kunstwerke, Melodien wandernüber die Grenzen der Rassen und Stämme und Nationen.Sie können international werden und sind es zum Teil. Siespiegeln also das allgemein Menschliche des geistigen Lebensund der geistigen Anlagen wieder. Die Sprachen haben nochjeder Zeit die Völker von einander getrennt. Wohl hat es Ge-