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1,1 (1925) Mittelalter
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Richtlinien

laut der biegsamen, reichen, kristallklaren, bildkräftigen, sinn-lich frischen, wundervoll ausgebildeten mittelhochdeutschenSprache, die das besaß, wonach wir Modernen streben, denfesten poetischen Stil.

Ich will in Ihnen die Lust anregen, gelegentlich einmalauch selbst den altdeutschen Text des Sängers zur Hand zunehmen und einzusehen. Ich möchte Ihre Beziehungen zurälteren deutschen Sprache überhaupt etwas freier und un-gezwungener gestalten. Und vor allem: ich möchte, daß Ihnenaus meinen Darlegungen auch die Personen und der Geist desZeitalters, in dem Walther lebte, etwas begreiflicher werden,daß das staufische Mittelalter für Sie aufhört, das unbekanntefinstere Land der Barbarei zu sein.

Was ich Ihnen bieten will, ist also praktische Philologie,und zwar praktische Philologie angewandt im Dienste ge-schichtlicher nationaler Erkenntnis, im Dienste der gerechten,vorurteilslosen Würdigung unserer großen mittelalterlichenKaiserzeit, deren erhabene Dome als ehrwürdige stummeZeugen in das Getriebe des modernen Lebens hineinragen.

Ich brauchte vorher das Wort Philologie absichtlich,obgleich ich weiß, daß es in weiten Kreisen ein gefürchtetesoder verachtetes Wort ist. Denn es ist die ehrenvollste,treffendste, würdigste Bezeichnung einer wissenschaftlichen Be-mühung, deren große menschliche Bedeutung, deren Wichtig-keit für die Bildung der Nation nur ein Kurzsichtiger, einfalsch Unterrichteter leugnen kann.

Philologie ist nicht die Schulmeisterei, mit der grüne Jungengeödet und drangsaliert werden. Philologie ist nicht die Freudean einem Konglomerat von grammatischen Formen, nicht dieFreude an einem spitzfindigen System sprachlicher Tatsachen.Philologie ist die Wissenschaft vom Logos, d. h. von dem Wort,das zugleich Sinn ist. Es ist die Freude am sinnvollen Wort,am lebendigen Ausdruck des Geistes. Der Geist einer Zeit,einer nationalen Gemeinschaft, die wir Volk nennen, machtsich wahrnehmbar durch mancherlei Zeichen und Symbole.In der Tracht und Kleidung, in der Sitte, im Schmuck, in denErzeugnissen der Kunst vom geschliffenen oder gespitztenStein der ältesten Urzeit bis zum Kölner Dom, von der ur-sprünglichsten Tonweise eines Hirtenrohres bis zu den Sym-phonien Beethovens, von dem rohesten Tonamulet bis zum

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