Vorwort
IX
Lösungsversuchen etwas Präludierendes anhaftet. Gewiß,diese Blätter streben ernsthaft und gründlich nach Erkenntnisder Wahrheit aus unmittelbarer Betrachtung der Denkmälerund der schriftlichen Quellen. Sie haben keinen Teil an jenemspekulativen Subjektivismus, der heute die geschichtlicheForschung entnerven, das Streben nach Wahrheit entthronenund durch Irrationalismus und die mythologische Gnostikeiner oft seltsam scholastisch erstarrenden Phantasie ersetzenmöchte. Dennoch müssen sie sich gegenüber den von ihnenbehandelten Problemen der Geschichte des deutschen Geistesvielfach begnügen mit Anlauf, Anbruch, Eröffnung. Endlichaber — und dies ist der zweite sachliche Grund für den Titeldieser Sammlung — auch der gegenwärtige kritische Zustandder geisteswissenschaftlichen Methode erlaubt nur, ja fordertgeradezu eine Untersuchung und Darstellung, die ohne inWillkür und Wirrwarr zu verfallen, die selbsterworbene An-schauung so zum Ausdruck bringt, daß sie künftiger, tiefererund reicherer Forschung prologierend den Weg weist.
Gegen den Historismus wird heute Sturm gelaufen. Undsicherlich hat er durch Anbetung des Materials und mancherleisonstige Gebrechen Enttäuschung und Überdruß hervorgerufen,die berechtigt sind. Aber der Buf, den man nun von so vielenSeiten vernimmt, die geschichtliche Betrachtungsweise steheam Ende ihrer Bahn, ohnmächtig und dem Tode verfallen,weil sie ihre Mittel und ihre Aufgaben erschöpft habe, stammtaus einem schweren Irrtum. Gerade das Gegenteil ist der Fall.Die wahren Ziele der geschichtlichen Forschung liegen nochvor ihr und die schönsten Ernten stehn noch aus. Wenn dieGeschichtswissenschaft, wie ich es auf den nachfolgendenBlättern wiederholt so nachdrücklich fordere, einen engerenBund schließt mit jenem vertieften und verinnerlichten Betriebder Philologie, der den Sinn ihres Namens, die Logosliebe, ver-wirklicht, wenn sie zugleich als Schülerin, aber auch als Lehrerinder Philosophie ihren Weg sucht, wird sie über die in unsernTagen laut gewordenen Anklagen triumphieren. Täuscht michnicht alles, so kündigt sich diese heilsame Wendung bereitsdurch mehrfache verheißungsvolle Zeichen an.
Dafür läßt sich auch dies geltend machen: nicht wenigeder in den nachstehenden Schriften gebotenen Anregungen,z. B. über die Wechselbeziehung mittelalterlicher Kunst und