Diese Vorzugsstellung haben die beiden Gemeinden bis zur Mitte des 19. Jahrhundertsbehalten. Spätestens im 15. Jahrhundert trat in der näheren Umgegend von Mülheimder Steinkohlenbergbau auf, der sich von der Mitte des 17. Jahrhunderts an in dendamals notgedrungen engen Grenzen der Förderungsmöglichkeit immer mehr hob.Im Zusammenhang mit ihm erstarkte auch die Ruhrschiffahrt. Im letzten Drittel des18. Jahrhunderts wurden die ersten gewerblichen Anlagen neuzeitlicher Art gegründet:die Tabakfabrik und eine Seifenfabrik von Johann Wilhelm von Eicken und dieBaumwollspinnerei von Troost, als Vorboten der zahlreichen Neuschöpfungen, diedas neue Jahrhundert bringen sollte. Bis zur Einführung der Dampfkraft blieb manausschließlich auf die Wasserfülle der Ruhr und des Ruhmbaches angewiesen; derRuhmbach trieb auch den Vogt'schen Eisenhammer, der 1809 erwähnt wird. Mitdem Beginn des neuen Jahrhunderts wurde durch die großen Erfindungen derTechnik allenthalben ein großzügiger Betrieb möglich, vor allem auch im Bergbau,wo Dinnendahl das Abteufen der Schächte und ihre Ausrüstung mit Dampfmaschinenunternahm. Und als dann im Jahre 1839 auf der Zeche Graf Beust in Essen zumersten Male auch das Abteufen von Deckgebirge gelungen war, da begann man inden 40 er Jahren des 19. Jahrhunderts auch im nördlichen Grenzgebiet der ehemaligenGrafschaft Broich, im Sande der Lipperhaide, unter dem Spott der dortigen Bevölkerungnach Kohlen zu suchen. Die Zweifel an dem Erfolge dieser Versuche waren baldbeseitigt, und seitdem haben Bergbau und Eisenindustrie von den Nachbargebieten herhier Fuß gefaßt und so von der Mitte des vorigen Jahrhunderts ab auch der nörd-lichen Hälfte der alten Grafschaft ein industrielles Gepräge und eine selbständigeBedeutung neben dem südlichen Gebiet gegeben, derart, daß hier 1862 aus Teilen derdamaligen Landbürgermeistereien Mülheim a. d. Ruhr, Borbeck und Holten die neueBürgermeisterei Oberhausen gebildet wurde, die sich so schnell entwickelte, daß sieschon nach knapp vierzig Jahren 40000 Einwohner zählte und somit im Jahre 1901,noch vor der ehrwürdigen älteren Schwester, ein selbständiger Stadtkreis werdenkonnte. Mülheim a. d. Ruhr hat das Übergewicht nur dadurch wiedererlangt, daß es dieMehrzahl der angrenzenden Landgemeinden wieder an sich zog, darunter die Nachbar-gemeinde Broich, deren Schloßherren früher das ganze Gebiet beherrscht haben, unddie sich nun infolge der Verschiebungen, die die Weltgeschichte unerbittlich voll-zieht, mit der Stellung eines Stadtteils von Groß-Mülheim begnügen muß.
Heut sind auf dem Gebiet der alten Grafschaft Broich, wenn wir den zuOberhausen abgesplitterten Teil nunmehr außer Betracht lassen, an wirtschaftlichenKräften neben der Landwirtschaft, dem Bergbau, dem Kohlenhandel und der Schiffahrthauptsächlich noch die Eisenindustrie und die Lederindustrie tätig. D ane ben sinddie Industrie der Metallverarbeitung, die Maschinenindustrie, die Industrien der Steineund Erden, der Nahrungs- und Genußmittel, Textil-, Papier-, Holz- und chemischeIndustrie und die wichtigsten Zweige des Großhandels außer dem Kohlenhandeldurch große und mittlere Betriebe vertreten.
Mülheim a. d. Ruhr war vor 100 Jahren noch vorwiegend Kohlen-und Schiffer-stadt: Kohlenhandel, Schiffahrt und der damals aufblühende Schiffbau (S. 261)standen im Vordergrund der wirtschaftlichen Interessen. Und noch Anfang der vierzigerJahre des verflossenen Jahrhunderts wurde der Kohlenhandel in Berichten der Handels-kammer als der Haupterwerbszweig der Stadt bezeichnet. Durch Verbesserung derWegeverhältnisse, wie den Bau der Aktienstraße und der Sellerbecker Schleppbahn,der Kettenbrücke, des Hafens und der neuen Schleuse, alles in den Jahren 1838—45,wurde diese Stellung Mülheims als Stapelplatz des Kohlenhandels und der
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