Ruhrschiffahrt" eröffnet, aber erst am 9. August 1780, als die letzte Schleuse in Broich-Mülheim fertig wurde, konnte die Eröffnung sämtlicher Ruhrschleusen bekanntgemacht werden. Der hiesige alte Schleusenkanal, welcher im flachen Bogen hinterdem jetzigen Schlachthause herführte — die Schleuse selbst war hinter dem Schlacht-hause 1 )— kostete 25331 Tlr., welcher Betrag 1795 vom Landgrafen dem preußischenStaate zurückgezahlt wurde, worauf die Anlage in den Besitz der Herrschaft Broichüberging. Am 5. Juli 1780 wurde das erste Kohlenschiff mit 300 Ctr. Ladung durch-geschleust. Zu Berg kam viel Holz, im Herbst auch Kappus. Am 10. Mai 1781 stelltedie „Kgl. Preuß. Wasser- und Uferordnung für den Ruhrstrom in der Grafschaft Mark"die neue Schiffahrtsstraße unter gesetzlichen Schutz und bestimmte zugleich, daßdie Interessen der Schlachtenbesitzer im Falle der Kollision mit denen der Schiffahrtden letzteren untergeordnet seien.
Zur Deckung der Anlagekosten und Unterhaltung der Schleusen wurde einSchleusengeld erhoben, welches in Mülheim fast doppelt so viel wie bei denanderen Schleusen betrug, nämlich 1 Tlr. 13 Sgr. 1 Pfg. Der Teil jedoch, der derHerrschaft zukam, wurde den Schiffern aus der Ruhrschiffahrtskasse zurückerstattet.An Schleusengeld erhielt die Herrschaft in den Jahren 1796—1805 durchschnittlich5937 Berg. Tlr. pro Jahr. Von den nach Holland verschifften Kohlen mußte außer-dem eine Abgabe von 2 Stüber pro Ringel — 175 Pfd. — entrichtet werden. 1803wurden die progressiven Ruhrschiffahrtsgebühren eingeführt. Die Erhebung allerGebühren erfolgte durch die Ruhrschiffahrtskasse in Werden.
Der Kohlenhandel bildete naturgemäß die Haupterwerbsquelle der MülheimerKaufleute und Schiffer. Aber daneben begannen sie mehr und mehr auch mit anderenArtikeln Handel zu treiben. Wenn sie am Rhein ihre Kohlen ausgeladen hatten,nahmen sie als Rückfracht rheinische, vor allem die wichtigen holländischen Waren mithinauf, um sie im Ruhrgebiet und imBergischen abzusetzen. In einerEingabe der DuisburgerKaufleute vom Jahre 1740 heißt es, daß in dem ungefähr 2 Stunden entfernt liegendenbergischen Dorfe Mülheim vor etwa 25—30 Jahren nicht der geringste Vorrat zufinden gewesen sei, sondern die derzeit daselbst Kaufmannschaft treibenden Handelsleute(u. a. Jörgen Dümptermann, Hermann Crass, H. Achtenrath, Jan Terstegen, MatthiasBrink) wären genötigt gewesen, alle wollenen, leinenen und andere Stoffe, Viktualien,Baumöl, Branntwein, Käse, Kantert und andere Fettwaren in Duisburg 2 ) einzukaufen;jetzt aber sei Mülheim mit allerlei Handlung versehen, weil der Handel dort frei undunbeschwert betrieben würde. Und in einem Promemoria von 1754 wird behauptet,daß die Mülheimer die ganze Grafschaft Mark, Dortmund und andere umliegendeOrtschaften mit holländischen Waren wie öl, Tran, gesalzenem Fischwerk, KaffeeTee und ähnlichem mehr versähen. Wenn wir nun auch daran festzuhalten haben,daß die genannten Gebiete größtenteils von Wesel und Duisburg oder von der Weserher mit holländischen Waren versorgt wurden, so scheint doch Mülheim damals imKolonialwarenhandel eine nicht unbedeutende Rolle gespielt zu haben. Ganz deutlichaber erkennen wir das, als im Jahre 1797 gar eine Börtschiffahrt von Amsterdamnach Mülheim a. d. Ruhr und vice versa eingerichtet wurde. Die MülheimerSpediteure und Fabrikanten, mehrfach geschädigt durch die Zölle auf die vom Rheinzur Ruhr hinauf verschifften Waren, hatten diese Fahrt gegen alle Intriguen der
1 ) Auf dem Schlachthaus-Terrain stand auch das Häuschen des alten Schleusenwärters, nichtweit davon die Wirtschaft der Schiffer, jetzt Wohnhäuschen.
2 ) Infolge der seit 1674 eingerichteten Börtfahrten (Reihenfahrten) zwischen Holland undDuisburg trafen hier regelmäßig holländische Waren ein.
230