Druckschrift 
Denkschrift zur Hundertjahrfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr 1908
Entstehung
Seite
210
Einzelbild herunterladen
 

Ober-Tertia organisiert und bezeichnet. Da mit Beginn des Schuljahres 1876—77auch die Sekunda für fast alle Unterrichtsgegenstände geteilt wurde, so mußte auchdie Zahl der Lehrerkräfte entsprechend vermehrt werden. Das Kollegium bestandnunmehr aus Direktor, 4 Oberlehrern, 5 ordentlichen Lehrern, 3 technischen undElementarlehrern, 1 wissenschaftlichen Hülfslehrer und 1 katholischen Religionslehrer.

Um jene Zeit fanden auch nach langen Kämpfen die Bemühungen um aus-reichende Dotierung der einzelnen Lehrerstellen ihren befriedigenden Abschluß.Was im Jahre 1867 geschehen war, reichte nicht hin, dem häufigen Lehrerwechselein Ende zu machen. Als dann Ende 1871 wieder eine Erhöhung der Gehälter um1000 Taler durchgesetzt wurde, trat unmittelbar darauf für die Königlichen Anstaltenein neuer Normaletat in Kraft, hinter welchem die Gesamtbesoldung des hiesigenKollegiums um 2150 Taler zurückblieb. Die Stadt konnte sich der Notwendigkeit,in der Besoldung ihrer Lehrer dem Staate zu folgen, nicht entziehen, und so wurdeder Normaletat vom 1. Oktober 1873 an durchgeführt, auch die Gehälter der technischenund Elementarlehrer erhöht. Freilich wurde zugleich das Schulgeld bis auf einMaximum von 70 Talern in die Höhe geschraubt und dieser höchste Satz von allenauswärtigen Schülern verlangt. Die notwendige Folge war, daß die Zahl der aus-wärtigen Schüler hier in Mülheim bald in erschreckendem Maße abnahm. Trotzdemblieb die Frequenz der Anstalt in jenen Jahren in raschem Steigen und erreichteim Schuljahre 1877—78 ihr Maximum mit 280 Schülern, um schon im nächsten Jahreauf 248 zu fallen. Der städtische Zuschuß bewegte sich während der in Redestehenden Zeit noch in mäßigen Grenzen und stieg nicht über 17000 Mark.

Die gewaltigen Ereignisse der Jahre 1870—71 mußten auch das Schullebenberühren. Die Wirkungen der großen Zeit beschränken sich nicht auf äußere Vor-kommnisse, auf einzelne Unterbrechungen des geregelten Betriebes, sie lassen sichauch am Pulsschlag des lebendigen Schulorganismus fühlen.

Am 16. Juli wurde die Mobilmachung des Heeres ausgesprochen, am 18. Julider Lehrer Piper zur Fahne einberufen. Obgleich seine Unabkömmlichkeit vorheranerkannt worden war, drängte es ihn doch, an dem Kampfe für die gerechte Sachesich persönlich zu beteiligen. Am 2. August trat auch der Lehrer Hunrath in dasHeer ein. Nach beendetem Kriege kehrten beide frisch und wohlbehalten zu ihrerfriedlichen Beschäftigung zurück, mit wahrhaft rührender Anhänglichkeit von ihrenSchülern empfangen.

Für solche Primaner im 4. und 3. Semester, welche in das Heer eintretenwollten, hatte der Minister eine beschleunigte Entlassungsprüfung angeordnet. EinPrimaner machte von dieser Erlaubnis im Januar 1871 Gebrauch, nachdem schonim Sommer 1870 3 Abiturienten nach bestandenem Examen des Königs Rockangezogen hatten.

Von den zurückgebliebenen Lehrern waren 4 tätig in dem Komitee, welchesfür die Krieger und ihre zurückgelassenen Familien zu sorgen übernommen, einerbegleitete während der Ferien eine Sendung Liebesgaben nach dem Kriegsschauplatz,eine Lehrerin widmete ihre Ferien und ihre freien Tage vor und nach den Feriender Pflege der Verwundeten und Kranken im hiesigen Lazarette.

Der Direktor rühmt die freudige Hingebung, mit welcher alle Lehrer ohneUnterschied die schwere Last der Vertretung ihrer beiden abwesenden Kollegentrugen, die durch Erkrankungen der Zurückgebliebenen noch erschwert wurde.Auch die Schüler, selbst der jüngeren Klassen, zeigten eine gehobene Stimmung.Nicht nur in den regelmäßigen Andachten, sondern auch nach jeder neuen Sieges-

210