Die Zeit durchgreifender Reformen war für die Schule vorüber, es konntesich nur um eine Nachlese handeln. Der bis dahin in den Hintergrund gestelltetechnische Unterricht erlangte größere Bedeutung durch Einrichtung regelmäßigerTurnstunden und durch die Anstellung eines fachmännisch gebildeten Gesanglehrers.Im Jahre 1862 wurde auch der Wunsch nach Errichtung einer Vorschule zum erstenMale laut. Bisher hatten die meisten der in die Sexta eintretenden Schüler diePrivatschule des Herrn von Velsen besucht, wo etwa 80—90 Kinder im Alter von6—11 Jahren durch einen einzigen Lehrer größtenteils gleichzeitig unterrichtetwurden. Doch wurde ein im Jahre 1864 vom Kuratorium gestellter Antrag aufErrichtung einer mit der Realschule zu verbindenden Vorschule vom Magistrat ab-gewiesen. Auch für eine Gehaltsaufbesserung der Lehrer war nichts zu erreichen,weil die sinkende Frequenz der Schule ohnehin schon den Etat mehr und mehranschwellen ließ. Die traurigen Folgen der gedrückten äußeren Lage ihrer Hinter-bliebenen suchten die Lehrer der Anstalt durch Selbsthilfe zu mildern, indem sie sichim Jahre 1862 zur Gründung einer Lehrer-Witwen- und Waisenstiftung vereinigten,zu der sie den Grundstock durch eine Reihe öffentlicher Vorträge aufbrachten.
Direktor Kern wurde im Jahre 1865 zum Direktor der LuisenstädtischenGewerbeschule in Berlin gewählt. Ihm folgte in seinem hiesigen Amte am 14. April 1866Dr. C. Kruse, bis dahin Oberlehrer an der Realschule zu Stralsund. Doch dieser schiedschon nach zweijährigem Wirken Ostern 1868 wieder aus seiner Stellung, um dieLeitung des Gymnasiums und der Realschule in Greifswald zu übernehmen.
Als ein nicht unwichtiges Ereignis aus dieser Zeit ist zu verzeichnen, daßnun endlich „die städtischen Behörden in gerechter Würdigung der Verhältnisse mitwohlwollender Liberalität sich bereit finden ließen, die Lehrergehälter um 900 Talerzu erhöhen." Es war aber auch die höchste Zeit, daß etwas geschah. Der un-aufhörliche Lehrerwechsel bedrohte die innere Entwickelung der Schule mit ernstenGefahren. Waren doch in den letzten 4 Jahren 11 Lehrer resp. Lehrerinnen derAnstalt entzogen worden.
Zum Nachfolger des Direktors Kruse wurde im September 1867 der Prorektorund erste Oberlehrer der Realschule erster Ordnung in Hagen, E. Gruhl gewählt,am 30. November bestätigt und am 23. April 1868 in sein Amt eingeführt.
Seit dem Jahre 1869 entbrannte abermals ein heftiger Kampf über dieBeeinträchtigung der Realschulen, an welchem auch unsere Schule nicht unbeteiligtgeblieben ist. Sie hat dabei nach zwei Seiten hin Stellung nehmen müssen; einmalhat sie in Gemeinschaft mit den Vertretern unserer Stadt dahin zu wirken gesucht,daß unseren Abiturienten auch die Universitäten erschlossen werden, andererseitsaber hat unsere Schule sich auch gegen die gewendet, welche an jenen Grundsätzen,nach welchen die Realschulen allgemeine Bildungsanstalten sein sollen, zu rüttelnversucht und unsere Schulen zu Experimentierplätzen für allerlei Versuche imUnterrichtswesen haben machen wollen. Die Bewegung hatte insofern Erfolg, alsschon im Jahre 1870 den Realschulen erster Ordnung das Recht zugesprochen wurde,ihre Abiturienten zum Studium der Mathematik, der Naturwissenschaften und derneueren Sprachen zu entlassen, jedoch mit Beschränkung der Anstellungsfähigkeitsolcher Kandidaten auf Real- und höhere Bürgerschulen.
Dieser wenn auch minimalen Erweiterung der Berechtigungen entsprach einstarkes Steigen der Frequenz, welches bald die Teilung der Tertia in zwei Parallel-cöten nötig machte. Da die Behörde die Zweijährigkeit des Tertianerkursus mehrund mehr betonte, wurden jene beiden Abteilungen schon Michaelis 1873 als Unter- und
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