II. Die höheren Schulen.
a) Gymnasium und Realschule.
Die höheren Schulen Mülheims sind eine Schöpfung des neunzehnten Jahr-hunderts. Zwar finden wir schon am Ende des siebzehnten Jahrhunderts Ansätzezur Entwicklung eines höheren Schulwesens in unserer Vaterstadt. 1673 versuchteein Praezeptor Goswin Sommer eine höhere sogen. „Lateinschule" ins Leben zurufen, und 1697 wurde dieser Versuch durch einen Kandidaten und Hülfspredigererneuert. Aber ihre Bemühungen blieben ohne dauernden Erfolg. Späterhin wurdenbefähigtere Knaben von den hiesigen Predigern notdürftig in den alten Sprachenund der Geschichte bis zum Besuche des Duisburger oder Essener Gymnasiums oderder Universität unterrichtet. Besonders die beiden lutherischen Geistlichen de Grooteund Vogt hatten in ihren Berufsscheinen von 1776 und 1820 die Verpflichtung, solchebefähigtere Knaben aus höheren bemittelten Familien in der erwähnten Weise wissen-schaftlich zu fördern.
Erst im Jahre 1835, zu einer Zeit raschen Aufblühens der Stadt, machte sichnun das Bedürfnis einer höheren Lehranstalt in Mülheim mehr und mehr geltend. Diestädtische Schulkommission entwarf nach dem Muster der in manchen benachbartenStädten bestehenden Rektoratsschulen den Plan zu einer zweiklassigen höherenKnabenschule; sie veranlaßte die Gemeindebehörde zur Bewilligung eines festenZuschusses von 150 Talern, leitete eine Subskription ein, durch welche auf 3 Jahreeine jährliche Einnahme von 251 Talern an freiwilligen Beiträgen und von 408 Talernan Schulgeld gezeichnet wurde, und erwirkte den ferneren Beschluß der Gemeinde-behörde, die Deckung des vorläufig noch vorhandenen Defizits von 191 Talern fürdie nächsten 3 Jahre zu übernehmen. Die Königliche Regierung genehmigte aufGrund des vorgelegten Planes die Errichtung der Schule, und am 17. November 1835wurde der bisherige Lehrer am Pädagogium zu Siegen, Dr. Gerhard Kerlen, alsRektor in sein Amt eingeführt. Er begann den Unterricht am 18. November mit 38Schülern. Am 2. Januar 1836 trat der erwählte zweite Lehrer, H. Seeger, bis dahinLehrer in Stolberg, mit dem Titel Konrektor ein; gleichzeitig wurde dem Planegemäß die zweite Klasse eröffnet.
Der Opferwilligkeit der Interessenten hatte die neue Schule auch bald eineigenes Heim zu verdanken. Am 16. Februar 1836 bildete sich eine Aktiengesellschaftzum Bau eines Schulhauses. Es wurde von 20 Aktionären ein Kapital von 5400 Talerngezeichnet mit der Bestimmung, daß nach erfolgter Amortisation dieses Kapitals dasHaus mit allem Zubehör unbeschränktes Eigentum der Stadt Mülheim werden undvon derselben fernerhin zum Stiftungszwecke benutzt werden solle. Diese Bestimmungist durch die im Jahre 1852 vollendete Amortisation, zu welcher die Kommune seit1840 durchschnittlich jährlich 400 Taler beigetragen hatte, in Kraft getreten. Dieneue Schule (das Lokal der früheren Töchterschule in der Jackenstrasse) wurde am19. Januar 1838 feierlich eingeweiht, nachdem sie schon am 2. Januar bezogen war.Da das Schulhaus sehr geräumig war, konnte dem Wunsche nach weiterer Aus-bildung der Mädchen, der sich inzwischen mehr und mehr geltend machte, um soleichter Folge gegeben werden; mit Genehmigung der Königlichen Regierung wurdeeine einklassige höhere Mädchenschule in Verbindung mit der Knabenschule errichtet.Der Organismus der Schule wurde durch Einrichtung einer gemeinsamen Elementar-Vorbereitungsklasse für Knaben und Mädchen erweitert, welche am 27. April 1846eröffnet wurde.
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