Druckschrift 
Denkschrift zur Hundertjahrfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr 1908
Entstehung
Seite
183
Einzelbild herunterladen
 

erheblich in die Höhe schnellte, und so beschlossen denn die Repräsentanten im gleichenJahre, die Gemeindesteuer nach der Höhe der Staatssteuer zu erheben. Da der Vor-stand diesem Beschluß die Genehmigung versagte, erlangte er keine Rechtsgültigkeit.Erst nach Inkrafttreten des Einkommensteuergesetzes vom 24. Juni 1891 wurden dieauf den bisherigen Modus bezüglichen Paragraphen des Statuts aufgehoben, (dieGenehmigung erfolgte am 21. August 1894), und seit 1893 die staatliche Einkommen-steuer bei Erhebung der Gemeindeabgaben zu Grunde gelegt.

Der Etat der Gemeinde schwankt in den Jahren 18741891 zwischen1600 Mk. und 3300 Mk, er steigt 1892 auf 3450 Mk., 1893 auf 4180 Mk., 1902 auf5000 Mk., 1903 auf 7050 Mk., 1905 auf 10031 Mk, 1906 auf 13900 Mk. Die erheblicheSteigerung in den letzten Jahren ist auf den Synagogen-Neubau zurückzuführen.1892 hatte die Gemeinde 107, im Jahre 1895 schon 135, im Jahre 1899 gar171 steuerzahlende, wahlberechtigte Mitglieder, deren Zahl in den folgenden Jahren auf155 zurückging. 1902 betrug die Gesamtsumme der direkten Staats- und Synagogen-steuer innerhalb der Gemeinde 33077,82 Mk. Die 1. Abteilung (5 Mitglieder) zahlte13062,68 Mk., die 2. Abteilung (15 Mitglieder) 10065,51 Mk. und die 3. Abteilung(135 Mitglieder) 9949,33 Mk. Heute zählt die Gemeinde annähernd 700 Seelen.

Synagogen.

Vor Erbauung der in dem Statut von 1794 erwähnten Synagoge fand derGottesdienst der kleinen Gemeinde in einem Betsaale statt, der sich in der Dellenahe bei der Bachstraße (jetzt Delle Nr. 2) befand. Wann er errichtet und wie erbeschaffen war, darüber haben wir keine Nachricht. Selbst der genaue Zeitpunkt,in welchem man dann die jetzigeAlte Synagoge" an Notweg und Jackenstraßen-Ecke errichtete, ist uns nicht bekannt. Vielleicht findet man Aufschluß darüber,wenn bei dem zu gewärtigenden Abbruch dieses Gotteshauses der Grundstein geöffnetwird. Soviel wissen wir jedenfalls aus dem erwähnten Statut, daß es nicht langevor 1794 erbaut worden ist. Über die ursprüngliche Einrichtung entnehmen wir demStatut, daß der innere Raum nach dem Eingange hin durch ein Gitter begrenzt wurde,über welches diejenigen, welche keinen Platz besaßen, nicht hinausgehen durften.DieFrauensynagoge" war vollständig von derMännersynagoge" getrennt, undnur durch Öffnen der Fenster wurde zeitweilig eine Verbindung hergestellt. Gemeinde-zimmer, Bad und Schule befanden sich links resp. rechts vom Eingange.

Die Synagoge ist mehrmals, u. a. kurz vor 1854 und zuletzt noch 1860 renoviertworden. Ein vollständiger Umbau, hervorgerufen durch Raummangel und schlechtenZustand des Gebäudes, erfolgte mit einem Kostenaufwande von 15000 Mark imJahre 1874. Gemeindezimmer und Bad wurden in einen Fachwerkbau auf demSynagogenhofe verlegt, die innern Wände entfernt und in dem so zu einemRäume umgestalteten Innern mehr als 100 Männersitze eingerichtet. Um die Störungendes Gottesdienstes, die sich aus der nunmehr unmittelbaren Verbindung des Bet-raumes mit dem Vorhofe ergeben hätten, zu vermeiden, errichtete man vor demEingang der Synagoge einen turmartigen Vorbau, der ein kleines Entree und dievon hier zur Frauenempore führenden Treppen enthält. Auf der an seiner Vorder-seite angebrachten Marmortafel stehen in hebräischen Lettern die Prophetenworte:Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker." Der Turm ist eineZierde des schlichten Gebäudes und gibt mit den Bäumen und Sträuchern desVorgärtchens dem Ganzen ein freundliches, anmutiges Gepräge. (Siehe die Abbildungauf Seite 179). Doch sind Vorraum und Treppen dunkel, letztere dazu noch steil

183