Gerhard Terstegen zu erwähnen. Geboren 1697 in Mors, verlor er früh im 6. Jahreseinen Vater, einen Kaufmann. Mit guten Anlagen absolvierte er schnell dieLateinschule seiner Vaterstadt, lernte auch Griechisch und Hebräisch, so daß erwohl die Gaben zum Predigerberuf besaß, indessen zum kaufmännischen Berufdurch die Mutter bestimmt wurde. Er trat bei seinem Schwager Kaufmann Brinkin Mülheim in die Lehre. Hier schloß er sich an eine Gemeinschaft von erwecktenGemeindegliedern an, die von dem frommen Prediger Undereik begründet, durcheinen Kandidaten Hoffmann geleitet wurde. Er gab 1719 den geräuschvollen Kauf-mannsstand auf, wurde Bandwirker und lebte in Einsamkeit und asketischer Ent-sagung, äußerst mildtätig gegen Arme, um selbst zuletzt in Not zu geraten, da erbis 1720 oft wochenlang durch Krankheit arbeits-unfähig war. In dieser Zeit entbehrte er selbstdes Gnadengefühls, gewann aber auf einer Reisewieder innern Trost, und verschrieb sich am grünenDonnerstag 1724 nicht als Schwärmer, sondernals nüchterner, praktischer, im Gebet nach innermFrieden ringender Mann seinem Heilande zumvölligen Eigentum, sein eigenes Blut zur Tintebenutzend. Er trat nunmehr in die Oeffentlichkeit,nahm 1725 den Bandwirker Sommer, einenFreund Hoffmann's, in sein Haus, ermäßigteseine Entbehrungen und schrieb Übersetzungenund Bearbeitungen alter, mystischer Traktate.Privatim trat er als Prediger für die Erwecktender Umgegend auf, am liebsten in der „Pilgerhütte"auf der „Otterbeck", einem Bauerngut zwischenMülheim und Elberfeld, wo bis heute noch solcheLaienversammlungen regelmäßig stattfinden. Durchmündliche und schriftliche Tätigkeit wurde Ter-stegen bald weithin bekannt, und durch Geschenkeund Vermächtnisse von Freunden aller Nahrungs-sorgen enthoben, zumal er seit 1730 wegen zunehmender Kränklichkeit seinen Berufaufgeben mußte. Mit der separatistischen Mystik stand er in brieflicher Verbindung;doch blieb er stets ein Gegner aller excentrischen Inspiration, er vertrat die maßvolleMystik eines gesteigerten Pietismus. Die formelle Trennung von der Kirche billigteer nicht und trat selbst nie aus der reformierten Kirche aus. Um so schmerzlichertraf ihn das Verbot seiner Konventikel seitens der Kurpfälzischen Regierung (inden Jahren 1747—50), dem er sich indessen eine Zeitlang fügte, bis eine Erweckungihn wieder veranlaßte, ungehindert als Konventikelprediger aufzutreten. 8 Schreiberschrieben 1753—56 30 solcher Reden nach, die er, da ein Bruchleiden ihm dasPredigen erschwerte, in seiner Wohnung vor Freunden hielt, und die als „GeistlicheBrosamen" 1769—73 veröffentlicht wurden. In einer Kritik der Gedichte Friedrichsdes Großen beklagte er freimütig Friedrichs Vorurteil gegen die Religion undgab im übrigen ein so gediegenes, wissenschaftlich klares und nüchternes Urteilab, daß Friedrich verwundert soll gefragt haben: „Können das die Stillen imLande?" Eine von Friedrich in Wesel gewünschte Begegnung mit Terstegenkam leider nicht zustande. 1769 erkrankte Terstegen, der übrigens ehelos gebliebenwar, an der Wassersucht und verschied am 3. April.
Terstegens Haus.
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