Da für die zwei Geistlichen die Arbeit an der Gemeinde zu umfangreichwurde, war schon 1684—97 von der Herrschaft ein Kandidat Wülfing zum sogen.Hülfs- oder Wochenprediger proponiert, der am Freitag zu predigen und die Geist-lichen in ihren Amtsverrichtungen zu unterstützen hatte; auch hielt derselbe im Schloßzu Broich Betstunden oder Predigten und unterrichtete die gräflichen Kinder. Erbezog dafür als Gehalt einen Teil der Renten der Antoniuskapelle und dasübrige von der gräflichen Familie. 1697 wurde über die feste Anstellung einesdritten Predigers bei Wülfings Abgang verhandelt. Es sollte ein Kandidat jedendritten Sonntag und einmal an den Festtagen predigen und die Jugend katechisieren,vor allem aber auch eine Lateinschule für Knaben, die studieren sollten, beginnen.Das Gehalt sollte 100 r. betragen, die die Prediger ihm zahlten, wofür letztere dieAntoniusrenten bezögen, außerdem solle jeder Schüler 30—40 Stüber monatlich geben.Näheres über die Besetzung und die Inhaber der Stelle fehlt. Erst von 1739 anwerden Kandidaten als Wochenprediger genannt.
Infolge des vermehrten geistlichen Bedürfnisses in der zweiten Hälfte des17. Jahrhunderts wünschten die evangelischen Bewohner des zu Mülheim gehörendenVororts Saarn eine eigene Kapelle zu besitzen. Dieser Antrag der Saarner Ältestenwurde 1682 im Konsistorium zu Mülheim wohlwollend aufgenommen, man bewilligteKollekten zum Bau des Bethauses für Katechisationen und Leichenpredigten; dochwurde der Bau von dem Richter von Ratingen auf fürstlichen Befehl bei Strafe von50 Goldgulden, ebenso auch die Predigten in der Schule verboten. Lange wurdezwischen der Landesregierung in Düsseldorf und dem Kirchenrate fruchtlos verhandelt,bis sich die Saarner an den großen Kurfürsten wandten. Durch dessen Vermittlungerhielten sie 1683 die Gestattung des Kapellenbaues, jedoch nur zur Benutzung vonLeichenpredigten, während sie im übrigen sich zur Mülheimer Kirche zu halten hätten.Die dann in Fachwerk erbaute Kapelle wurde 1775 durch die noch jetzt stehendefeste Kirche ersetzt.
Ebenfalls Ende des 17. Jahrhunderts gelangte die Gemeinde in den Besitz einerKirchenorgel für den Preis von 850 r. Die seitdem öfter restaurierte Orgel diente bis1870, wo bei dem Umbau der Kirche ein neues größeres Orgelwerk angeschafft wurde.
Einige andere größere Ausgaben und Anschaffungen der Gemeinde datierenebenfalls aus der Neige des 17. Jahrhunderts. 1693 wurde durch UhrmeisterJohannes Görts aus Essen ein neues Uhrwerk mit 3 Zeigern für 100 r. angefertigt.1701 mußte der baufällige Turm für 700 r. gründlich repariert werden, wozu jedesHörn (Honnschaft) 100 r. beizutragen hatte. Saarn, Speidorf und Haarzopf, letzteres,weil es zur Kettwiger Kirche gehöre, verweigerten den Beitrag; doch wurde Haarzopfdurch die Herrschaft zur Zahlung veranlaßt, weil der Turm der bürgerlichen Gemeindemit gehöre. 1702 im Juni erlitt die Gemeinde einen empfindlichen Verlust durcheinen Kirchenraub, wobei die Abendmahlsgeräte und eine für die Lehrer bestimmteSumme von 30 r. gestohlen wurden; beides wurde durch Liebesgaben der Jünglingeund Jungfrauen ersetzt.
Schwere Kriegslasten ruhten 1665, 1672, 1688 und 1702 auf der Gemeinde(Jülich-Clevesche Erbfolgekrieg, zwei französische Raubkriege und spanische Erbfolge-krieg). Die Getreidepreise, woraus der damalige Geldwert zu erkennen, waren:1688 1 Malter Roggen 4 l / 2 Dahler, Weizen 6, Gerste 4 L / 2 , Hafer 3 Dahler.(1 Dahler = 30 mark. Stüber).
Endlich bleibt uns noch aus dieser Zeit das eigentümliche Lebensbild einesder hervorragendsten Vertreter des reformierten Pietismus, des tiefsinnigen Mystikers
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