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Denkschrift zur Hundertjahrfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr 1908
Entstehung
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vornehmen, unter denen auch Mülheim erscheint 1 ). Schon einige Monate vorherergeht sich der Unterpräfekt in bittersten Klagen über seine Maires 2 ), gegen die ermachtlos sei, wenn man ihn nicht zu weitergehenden Zwangsmitteln ermächtige.Wir besitzen von ihm aus dem Juni und Juli verschiedene Berichte über dasEinkommen von Fouragelieferungen für die verhaßten französischen Zollbeamten.Man erkennt daraus, daß in verschiedenen Mairien alles getan wird, um diese Lieferungauf die lange Bank zu schieben. Zu den lässigen Mairien gehören nach einerMitteilung vom 29. Juni vor allem Holten, ferner Kettwig, Werden und Mülheim. DerArbeiteraufstand des Jahresanfangs ist zwar mit brutaler Gewalt niedergeschlagenworden. Aber die Anzeichen mehren sich im Laufe des Jahres 1813 dafür, daß dieTage des neuen Großherzogtums gezählt sind. Aber noch unter dem 10. August 1813ist eine Verordnung wegen der Feier des Napoleonsfestes erlassen (P. 185).

Nur auf einige wenige Seiten des materiellen und geistigen Kulturlebens derMülheimer Mairie unter der Fremdherrschaft ist im Vorstehenden die Aufmerksamkeitgelenkt worden. Eine genauere Prüfung der umfassenden Bestände des Großherzog-lichen Verwaltungsarchivs, wie es in Düsseldorf und Paris beruht, wird zweifellosbei näherer Nachforschung noch viele Ergänzungen liefern können. Soweit unsereKenntnis bis heute reicht, darf man schon sagen, daß die französische Herrschaftüber Mülheim wie über das ganze Großherzogtum neben vielem hellen Lichtauch manch dunkeln Schatten verbreitet hat. Man läßt sich von'jenem Licht blenden,wenn man die sauberen und klaren Akten der unermüdlich tätigen neuen Verwaltungzu studieren anfängt. Gewiß haben die Franzosen auch für Mülheim manch bleibendeErrungenschaft gebracht. Dazu gehört, woran hier nur noch kurz erinnert werdenkann, vor allem die Einführung des neuen einheitlichen und der Wirtschaftsstufedes Landes durchaus angemessenen französischen Rechts und Gerichtsverfahrens,ingleichen die Herstellung eines klaren und rasch arbeitenden Instanzenzugs. Aufdem Gebiete des Gerichtswesens sind die Sünden des alten Systems wohl amschwersten gewesen. Nicht minder wird die Beseitigung des ebenso buntscheckigen,wie ungerechten alten Steueretats heilsam gewirkt haben. Der Gedanke des all-gemeinen Staatsbürgertums 3 ) endlich als die Krönung des ganzen scheinbar fürlängste Dauer berechneten Gebäudes hat auch die Mülheimer allmählich dazuerzogen, aus den alten die Standesunterschiede selbst vor dem Gesetz schroff hervor-kehrenden Anschauungen schneller und völliger herauszutreten und den Anforderungendes neuen Jahrhunderts gerecht zu werden. Hier haben die fremden Eroberer eineSaat auf Hoffnung gesät, deren Ernte noch heutigen Tages nicht restlos eingebrachtist. Wir dürfen von einer Dankesschuld sprechen, die auch die Stadt Mülheim derfranzösischen Herrschaft abzutragen hat.

Aber darüber hat die Stadt doch nicht vergessen, daß sie eine deutsche Stadtwar. Jahrhunderte hindurch mit den Schicksalen kleiner deutscher Dynasten aufsengste in Freud und Leid verbunden, hat sie keine große Mühe gehabt, sich nachdem Sturze der Fremdherrschaft wieder als deutsche und bald auch als preußischeStadt fühlen zu lernen. Dann hat man sich eben dessen erinnert, daß die Franzosennicht nur Segen gespendet, sondern auch manch unheilvolle Maßregel ergriffen haben.Die Mülheimer Industrie, noch heute der Stolz des blühenden Gemeinwesens, hat

1 ) Ch. Schmidt S. 146.

2 ) An den Präfäkten am 23. Mai: D. H. Q. 13.

3 ) Sämtliche Untertanen sollen nur eine einzige von dem nämlichen Interesse geleiteteFamilie bilden: Rundschreiben des Präfekten vom 14. Dez. 1809: P. 2.