Grenzgebiete hinübergreifen. Durch die künstliche Einschränkung oder gänzlicheVerhinderung des auswärtigen Absatzes wird mit dem wirtschaftlichen natürlichzugleich ein sozialer Notstand erzeugt; denn in der damaligen Mülheimer Industriesind immerhin an die 360 Arbeiter beschäftigt gewesen. Auch dadurch wird dieLage noch weiter verschärft, daß nicht einmal mehr der innere Markt von dereinheimischen Fabrik konkurrenzlos beherrscht werden kann. Vielmehr strömenauswärtige Halb- oder Qanzfabrikate ungehindert ein. Besonders über den ameri-kanischen Wettbewerb wird Klage geführt 1 ).
Zum zweiten Male erhalten wir näheren Aufschluß über die MülheimerIndustrie durch einen Bericht des Unterpräfekten an den Präfekten vomJJ^Aug, 1810 -).Dieser Bericht gibt sich als „Nachtrag zur Fabriquen-Tabelle vom ArrondissementEssen". In der Tat lehren diese Angaben die Unvollständigkeit der Nachrichtenaus dem Jahre 1809. Am mangelhaftesten und oberflächlichsten erfolgt die Orien-tierung durch eine parallele Quelle vom 11. Januar 1812 !i ). Ein neuer Feind derMülheimer Industrie hat sich inzwischen eingestellt: Es ist die von Napoleon für 1812verfügte Monopolisierung des Tabaks 4 ). Die Einführung der Tabaksregie hat aufdie Stimmung der beteiligten Kreise so ungünstig gewirkt, „daß die Gemüther der Kauf-leute durch die stattgehabte Versiegelungen 5 ) und Inventarisationen der Thabacksvorrätezu Ertheilung der . . . verlangten Aufklärung nicht sehr aufgelegt sind". Wir hören,daß auch hier ein blühender Fabrikationszweig schwer geschädigt wird; denn derjährliche Umschlag wird auf nahezu 200000 Fr. angegeben, und die Übersicht überdie verarbeiteten Tabake erlaubt wegen ihrer großen Mannigfaltigkeit einen Rück-schluß auf den erheblichen Umfang der Produktion. Die Seifensiedereien fernersind in ihrer Arbeitsleistung auf ein Drittel zurückgegangen. Der Grund ist derbekannte: die Versperrung der auswärtigen Absatzgebiete. Umgekehrt leiden dieStärkefabriken unter der starken Verteuerung der Weizeneinfuhr. Die Ansätzeendlich zur Fayenceproduktion dürfen genau wie zwei Jahre vorher als ganz unbe-deutend bezeichnet werden.
So summarisch und unvollständig diese Nachrichten auch sein mögen: mansieht jedenfalls, daß Mülheim von dem allgemeinen großherzoglich-bergischen Unglücknicht verschont geblieben ist. Dafür ist es nur ein schwacher Trost, daß dieFranzosen an der von der Natur begünstigten Verkehrslage der Stadt wenigstensnichts ändern können. In dem schon erwähnten topographisch-statistischen Berichtevom 19. Juni 1809 wird sehr nachdrücklich auf die wirtschaftliche Bedeutung derRuhr sowohl wie der in den 70 er Jahren des 18. Jahrhunderts angelegten, vonDüsseldorf und Ratingen nach Münster, Wesel und weiter nach Holland führendenHeer- und Handelsstraße hingewiesen.
J ) Aus einer allgemeinen bergischen Industrietabelle, aufgestellt von Q. Siebel, Elberfeld, am12. April 1809 (D. H. Q. 24), erfahren wir, daß auch Seide in Mülheim fabriziert wird. Vor allem handeltes sich um Taschentücher und Shawls. — Ferner wird Mülheim hier wegen des gesponnenenBaumwollengarns (Coton file, filatwes mechaniques) erwähnt: L'art de la filatwe ne commence . . .qu' ä se developper . . . Dagegen wird die hohe Blüte der Seidenindustrie (Sieg über die indischeKonkurrenz) besonders erwähnt. Vergl. den Bericht vom 24. Nov. 1810 (D. H. G. 22) über dieMülheimer Seidenindustrie.
2 ) Beilage VII.
3 ) Beilage VIII.
4 ) Ch. Schmidt S. 298.
5 ) Weitere Verordnung darüber vom 12. April 1812 (P. 1494.)
57 8