Grundsätzen geleiteten französischen Handelspolitik darlegen und dann wohl gelegentlichbei dem in beweglichen Worten vorgetragenen Wunsche endigen, ein Radikalmittelgegen die Zollnot anzuwenden, nämlich die Reunion mit Frankreich. Es ist bishernicht gelungen, ein derartiges Dokument aus Mülheimer Fabrikantenkreisen, vondenen sofort näher die Rede sein wird, aufzufinden. Einen gewissen Ersatz kannda aber eine Denkschrift bieten, die unter dem 11. Nov. 1809 d. h. in einem Momente,wo die französische Zollpolitik erst eben anfängt, ihre verhängnisvollen Wirkungenzu äußern 1 ), von acht Handels- und Industrienotabein der Nachbarstadt Werden a. d. Ruhrbei ihrem Maire eingereicht worden ist 2 ). Sie beginnen mit einem sehnsüchtigenBlick auf die altbergische Handelsfreiheit. Besondere Beachtung verdient ihreMitteilung, daß gerade die letzten 25 Jahre dem kleinen Abteistädtchen einen nennens-werten materiellen Aufschwung gebracht haben. Seelenzahl und Wert der Grundstückehätten sich in dieser Zeit gleich sehr gehoben. Aus den 8 Webstühlen sind 40geworden. Aber was nützt, diese ängstliche Frage wird erhoben, dieser Fortschritt,wenn die neuen Herren alles tun, um diese Industrie durch Entziehung der Absatz-gebiete in sich zu erdrücken ? Man beginnt mit der Rheinsperre. Der Handelhat sich nun nach Holland gezogen. Aber die dauernde Freiheit auch dieser Grenzeist ein schöner Traum gewesen. Mit der holländischen ist auch die Eibgrenzegeschlossen worden. Eine Ausfuhr der Fabrikate in größerem Umfange ist dadurchunmöglich geworden, die Produktion selbst aber durch hohe Belastung der Rohstoff-einfuhr schwer behindert. Die Folge ist der Rückgang der gesamten Exportindustrie.Nur diejenigen Fabrikationszweige, die mit auswärtigem Absätze nicht zu rechnenhaben, fristen ein bescheidenes Dasein. Damit wird aller höhere Schwung aus derArbeit verbannt. Wir dürfen diese Gedanken unbedenklich von Werden auf Mülheimübertragen. Vermutlich hat der Grenzschluß gerade wegen der größeren Annäherungan den Rhein hier noch verderblicher gewirkt, als weiter oberhalb im Ruhrtale.
Wenn wir nun aber auch keine direkte denkschriftartige Quelle aus Mülheimauftreiben können, so besitzen wir doch aus den Jahren 1809, 1810 und 1812 ä )tabellarische Aufnahmen der städtischen Industrie, die die Vermutung zur Gewißheiterheben, daß sie an dem allgemeinen Verfalle der bergischen ihren vollen Anteilgenommen hat.
Die letzte Rubrik der Übersicht von 1809 heißt nämlich: „Vorteile, welche derHandelmit dem Auslande genießet oder Hindernisse, welche demselben im Wege stehen".Die näheren Angaben lauten nun bei allen einzelnen Arten, bei der Papier-, Eisen-,Textil-, Seifen-, Tabakindustrie übereinstimmend dahin, daß dem Handel mit demAuslande, d. h. dem Absätze der Mülheimer Fabrikate außerhalb des großherzoglich-bergischen Marktes nur Hindernisse in den Weg gelegt werden und daß er nirgendsVorteile genießt. Das muß um so nachteiliger gewirkt haben, als aus einer andernRubrik zahlreiche und sehr umfassende Absatzmöglichkeiten ersichtlich sind. Fürdie Papierfabriken werden alle Gegenden Deutschlands genannt. Mülheimer Eisen-und Stahlwaren könnten, wenn man die Grenzen öffnete, nach Frankreich undHolland aufgeführt werden. Dasselbe gilt von der zu hoher Blüte gelangten Textil-industrie. Und selbst die kleineren Branchen könnten wenigstens in die nächsten
- 1 ) Anstellung Evermanns als Generalinspektor der Manufakturen am 1. Jan. 1810, P. 12.
2 ) D. H. Q. 18. (D. bezeichnet hier wie im folgenden das in Düsseldorf befindliche Ver-waltungsarchiv des Großherzogtums Berg. H. G. = Handel und Gewerbe).
:i ) D. H. G. 18, die Tabelle von 1809 ergänzt durch einen Mairiebericht vom 19. Juni ebd.Statistik Nr. 21. Beilage VII.
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