so erklärt es sich, daß im 17. Jahrhundert, z. B. gelegentlich des Vergleichs vomJahre 1661, der Herr von Broich nicht mehr von den „Eingesessenen des Kirchspiels",sondern /von den „Untertanen der Herrlichkeit Broich" spricht. So hatte dieseHerrlichkeit das Kirchspiel völlig in sich aufgesogen und ihren ursprünglich be-scheidenen Umfang bis zu den Grenzen des Kirchspiels ausgedehnt.
Kurzer Überblick über die äußeren Schicksale des Mülheimer Gebietsvom Ende des 16. bis ins 18. Jahrhundert.
Es kann hier weder unsere Absicht noch unsere Aufgabe sein, die Einzelheitenin der Erbfolge der Broicher Dynasten oder die wechselvollen Schicksale ihresHerrschaftsgebiets in lückenloser Folge aufzuzeichnen. Hier gilt es vielmehr nur,einige bemerkenswerte Momente und Ereignisse herauszugreifen, die für Mülheimselbst von Bedeutung gewesen sind.
Unter Philipp's Sohn Wirich VI. von Dhaun brach eine schwere Zeit für dieBewohner des Kirchspiels an. Der spanisch-niederländische Krieg und derTruchseßscheKrieg haben blutige Spuren wie am Niederrhein überhaupt, so auch in dembetriebsamen Ruhrtal hinterlassen. Protestantismus und Katholizismus waren diebeiden treibenden Kräfte in diesen Kriegen und ebenso im Jülicher Erbfolgestreit.Sie spielen auch in der Herrschaft Broich eine bedeutsame Rolle. Graf Wirichgehörte der protestantischen Partei an, aber die Herren von Styrum blieben derkatholischen Lehre treu. So spiegelt sich in diesem verhältnismäßig kleinen Gebietdas ganze Elend unserer deutschen Geschichte in jener Periode ab.
Für die niederrheinischen Länder war es verhängnisvoll, daß gerade in jenerZeit an der entscheidenden Stelle der starke Arm fehlte, um die Untertanen vor denFolgen verheerender Durchzüge und Einquartierungen zu behüten. Man weiß, daßder dem Protestantismus zuneigende, aber von jeher unentschiedene und aufVermittlung bedachte Herzog Wilhelm V. von Jülich-Cleve seit 1566 infolgeeines Schlagflusses dem Willen seiner Räte preisgegeben war. Damit standen denverschiedenartigen sich bekämpfenden Richtungen Tür und Tor offen, sodaß nunmehrdie Politik des Jülich'schen Hofs unsicher zwischen Katholizismus und Protestantismus,zwischen Spanien und den Niederlanden hin und her schwankte. Die proklamierteNeutralität war umso gefährlicher, als sie nicht mit strenger Konsequenz durchgeführtwurde. Je mehr die katholischen Räte am Hofe Wilhelms die Oberhand erhielten,umso sicherer fühlten sich die Spanier, wenn sie dies neutrale Gebiet betraten.Eine wüste Soldatesca hauste besonders seit Ausbruch des kölnischen Krieges Jahrfür Jahr im bergischen Lande und zumal in den Ämtern Angermund und Landsberg,häufig genug auch im benachbarten Broichschen Gebiet. Und das Schlimmste war,daß auch die Truppen, die das Land mit großen Kosten zur Verteidigung der Neutralitätangeworben hatte, sich als eine wahre Landplage erwiesen.
Graf Wirich 1 ) nahm in dieser bewegten Zeit als Haupt der protestantischenPartei und als Führer der bergischen Stände eine bedeutende Stellung ein. SeineBriefe und Denkschriften zeigen ihn als den warmherzigen Anwalt nicht sowohl derWünsche seiner Partei als auch der Bedürfnisse des ganzen Landes. Er hielt nicht
!) Harleß in der Allgemeinen Deutschen Biogr. V. S. 113—115. Vgl. auch v. Below,Landtagsakten II an zahlreichen Stellen.
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