Band III. Spez. Theil.
Kasuistik.
1181
Laufende
No.
1
Bezeichnung des Verwundeten.Tag und Art der Verwundung.
2
Verlauf, spätere Zustände u. s. w.3
Dauer
der
Lazareth-
behandlung.
4
205.
L. W., vom GrossherzoglichMecklenburgischen Füsilier-Regi-ment No. 90, verwundet am2. Dezember 1870 bei Loigny:Splitterbruch des rechten Schien-beins im oberen Drittel durchGewehrschuss. Eingangsöffnungaussen 10 cm unterhalb der Knie-scheibe, Ausgangsöffnung innenvorn in gleicher Höhe. NachZerschmetterung des Schienbeinsverursacht die Kugel noch einenPrellschuss am linken Unter-schenkel.
Vier Wochen nach der Verwundung stossen sich unter reichlicherEiterung Knochensplitter ab, Eitersenkungen finden statt, so dassdem Eiter wiederholt durch Einschnitte am Oberschenkel Abflussverschafft werden muss. Im weiteren Verlaufe werden noch20 Splitter und 4 Bleistückchen entfernt. Ende des 4. Monatstritt an der Ausgangsöffnung Hospitalbrand auf, vergrössert be-deutend die Wunden und bedroht in erheblichem Grade das Leben.Langsam verkleinern sich die ausgedehnten Wundflächen und ver-narben endlich am 19. August 1871. An der Innenseite desrechten Unterschenkels, entsprechend der Ausgangsöffnung eingrubenartiger Defekt, 2.5 cm breit, 1.5 cm tief und 3 cm lang.Gehen nur mit Krücken möglich. Besserung nach längerer Zeitwahrscheinlich.
8 Monate.
c. Wadenbein.
206.
K. B., Hauptmann, verwundet am30. August 1870 bei Beaumont:Schussbruch des rechten Waden-beins und Absplitterung vomrechten Schienbein.
Hauptmann B. wurde mit Gypsverband in die Heimath über-geführt, blieb bis Frühjahr 1871 in Privatpflege. Von da an thater wieder Dienst trotz stetiger Schmerzen in der Wunde, welchedurch verschiedene Badekuren gemildert, jedoch nie gänzlich be-seitigt wurden. Herbst 1884, als B. während des Manövers oftvom Pferde steigen und grössere Strecken zu Fuss zurücklegenmusste, steigerten sich die Schmerzen in der Wunde erheblich,gleichzeitig machte sich Schwäche des rechten Fusses bemerkbar.Im Oktober 1884 brach eine an der Wade befindliche Narbe wiederauf, die Wunde eiterte stark und schloss sich erst allmälig nachmehrwöchentlicher Behandlung. Im Winter 1884,85 zeigten sichzum ersten Male blitzartige Schmerzen, welche von der rechtenHüftgegend nach der Wunde zu ausstrahlten und im Frühjahr 1885auch im linken Bein, begleitet von Schwächegefühl, auftraten.Damals hatte B. ab und zu Gürtelgefühl. Das Gefühl der Unsicher-heit in den Beinen beim Gehen soll seitdem stetig zugenommenhaben.
Am 11. Juni 1887: An dem rechten Unterschenkel, da, wo dasuntere und mittlere Drittel zusammenstossen, etwas nach aussen vonder Schienbeinkante, befindet sich eine ungefähr zehnpfennigstück-grosse, fast runde, grauweisse, glänzende, strahlige Narbe, welchein gleicher Höhe mit der übrigen Haut liegt und nach innen undunten von massig stark erweiterten Blutadern umgeben ist. Umdie Narbe herum ist die Haut lebhaft braunroth gefärbt. ZweiFinger breit über dieser Narbe, etwas näher der Schienbeinkante,sieht man eine zweite, 2 cm breite und 4 cm lange Narbe von gleicherBeschaffenheit. Eine dritte Narbe, reichlich thalergross und ebensowie die beiden anderen beschaffen, jedoch mit unregelmässig ge-zackten Rändern, findet sich hinten an der Wade, genau im Pfeil-durchmesser der ersten Narbe. Druck auf die Narben ist wenigempfindlich. Die Schienbeinkante ist in der Höhe der beiden vor-deren Narben uneben, stellenweise stark verdickt. Die Gelenkebeider unteren Gliedmaassen sind nicht verändert, die Muskulaturbeider Beine gleich stark und dem allgemeinen Körperbau ent-sprechend entwickelt. Das Aufstehen vom Stuhle ist erschwert,geschieht ruckweise mit Zuhilfenahme der Arme. Breitbeinig undmit offenen Augen stillstehen ist selbst für kurze Zeit nicht möglich,bei geschlossenen Augen tritt starkes Schwanken des ganzen Körpersein. Bei geschlossenen Augen und geschlossenen Füssen fällt derKörper sofort vornüber. Der Gang ist erheblich schwankend, zick-
(Fortsetzung umstehend.)