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XI. Kapitel: Verwundungen des Unterschenkels und des Fusses.
Band III. Spez. Theil.
LaufendeNo.
Bezeichnung des Verwundeten.Tag und Art der Verwundung.
33.
G. M., vom Sächsischen 7. In-fanterie - Regiment (Prinz Georg)No. 106, verwundet am 30. November1870 bei Villiers: Gewehrschuss indie Weichtheile des linken Unter-schenkels im mittleren Drittel.Eingangsöffnung innen, Ausgangs-öffnung aussen.
Verlauf, spätere Zustände u. s. w.
M. hatte 14 Stunden unverbunden auf dem Schlachtfelde gelegenund während der Ueberführung von Paris nach Leipzig sehr ge-froren. Bei der Aufnahme am 7. Tage Abends sind Unter- undOberschenkel stark geschwollen; ersterer ist in Folge früherenBlutergusses gelb gefärbt; an letzterem zeigen sich, dem Verlaufeder grossen Blutadern folgend, röthliche Streifen. An der Wadefindet sich ferner ein kreisrunder, 6 cm grosser, mit einer schmierigenMasse bedeckter Hautverlust, in dessen Mitte eine kirschengrosseSchussöffnung sichtbar ist, welche mit der gleich grossen Ausgangs-öffnung durch einen 9 cm langen Kanal in Verbindung steht. Nachgründlicher Desinfektion werden die Wunden mit Karbol verbundenund eine hydropathische Einwicklung des Beines gemacht. Amnächsten Morgen (8 Tage) macht M. den Eindruck eines vongrosser Angst und Schreckhaftigkeit befallenen Mannes; er klagtüber Schwerbeweglichkeit des Unterkiefers. Nach einer Morphium-einspritzung wird der Kranke zwar etwas ruhiger, doch stellensich gegen Abend ausgeprägte Nackenstarre und erheblicheSchlingbeschwerden ein. Der Puls macht 96 Schläge in derMinute. Die Temperatur ist dabei nicht erhöht. Erneute Morphium-einspritzungen bleiben jetzt ohne jeden Erfolg. M. verbringt dieNacht sehr unruhig und zeigt am 9. Tage Morgens 6 Uhr aus-geprägte Kieferklemme und Nackenstarre, sowie grosseSchmerzhaftigkeit der Wadenmuskulatur. Puls und Temperatursind unverändert. Da der Unterschenkel äusserst prall gespanntist und die Schwellung immer mehr zunimmt, werden in der Vor-aussetzung, dass eine Entspannung des Gewebes den ganzen Verlaufgünstig beeinflussen müsse, in Chloroformbetäubung drei tiefe Ein-schnitte vom Schusskanal ausgehend nach unten gemacht, einenennenswerthe Besserung aber weder durch die Einschnitte, nochdurch die Chloroformbetäubung erzielt. M. erhält daher jetzt drei-stündlich O.ooi g Curare innerlich, worauf nach drei solchen Gabendas Befinden sich ganz bedeutend bessert. M. vermag Nachmittagsden Mund zu öffnen und leidlich zu schlucken. Die Naekenstarre istvermindert, die Schmerzhaftigkeit der Wadenmuskulatur geringer7die Muskeln der übrigen Körpertheile nicht gespannt. Leider währtedieser Zustand nicht lange; gegen Abend wurde M. wieder unruhiger,wechselte fortwährend seine Lage, sprach viel und starb noch andemselben Tage unter zunehmender Unruhe und Erkalten derGlieder.
Sektion: 10 cm langer, die Wade durchsetzender Fleischschujan beiden Oeffnungen Haut und Zellgewebe brandig, ebenso^Wunde des Schusskanals, mit welchem 3 Einschnittswunden zu-sammenhängen. Der Muse, gastrocneinius ist vollständig zer-trümmert und in jauchigem Zerfall begriffen. Die Muskeln derUmgebung sind theils jauchig, theils ödematös durchsetzt, ebensodie zwischen den Muskeln befindlichen Fascien an der Aussenseitebis zur Mitte des Oberschenkels; bis hierher ist die Vena saphenamagna verstopft und das umgebende Bindegewebe vereitert. DerNerv, peroneus ist 15 cm unter dem Wadenbeinköpfchen in denZerfall mit eingezogen und in dem Substanzverlust nicht zu ver-folgen; unterhalb der Jauchehöhle sind die Verzweigungen desselbenanscheinend unversehrt. Die Jauchung reicht bis 9 cm oberhalb desFussgelenks. (Eröffnung der Körperhöhlen nicht gestattet.)
Dauer
der
Lazareth-
behandlung.
4
9 Tage.