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VII. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.
Band III. Spez. Theil.
170. 0. v. W., Hauptmann, verwundet bei Mars la Tour:Weichtheilstreifschuss des rechten Oberarms, Schuss durch daslinke Kniegelenk und Schuss durch den linken Unterschenkel.Die Oberarmwunde heilte ohne Folgen. Das linke Knie wurdevon der Kugel in der oberen Hälfte von links nachrechts durchbohrt, der linke Unterschenkel eine Hand breitüber dem Fussgelenk mit Zerschmetterung beider Knochen.
Am 19. Dezember 1874: Das Knie ist verdickt und fastvöllig steif; beim Sitzen liegt das Bein ausgestreckt und kann nurmit Hilfe der beiden Hände gehoben werden. Die Schussnarbenam Unterschenkel sind mit den Knochen verwachsen. Dasuntere Bruchstück des Schienbeins überragt auf der Innenseitedas obere um 1 cm. Beweglichkeit des Fussgelenks nach obenund unten ist zur Hälfte beschränkt, nach der Seite ganz auf-gehoben. Das Bein ist um 5 cm verkürzt, so dass das Gehendurch erhöhten Hacken erleichtert werden muss. Beim Herab-steigen von Treppen wird das Bein seitwärts von jeder Stufeherabgeworfen. Längeres Gehen und Stehen bringt schnelleErmüdung und hat zuweilen eine schmerzhafte Anschwellungdes Unterschenkels und Passes zur Folge. Dauernd ganz-invalide und dauernd einfach verstümmelt.
171. Ungenannter, verwundet am 19. Januar 1871. Ein-gang: 5 cm oben und innen von der rechten Knieseheibe. Aus-gang : aussen und unten am inneren Rande der Sehne des zwei-köpfigen Muskels. Unmittelbar nach der Verwundung sollAustritt von Gelenkflüssigkeit vorhanden gewesen sein, welchebei der Aufnahme in das Lazareth (vier Stunden später) nichtmehr zu bemerken war. Bruch des äusseren Schenkel-knorrens. Drahthose mit ausgeschnittenem Fenster in derGegend der unteren Wunde; Eis. 31. Januar: Bei ruhiger Lageund Anwendung von Eis ist kein Gelenkerguss eingetreten.Die anfängliche leichte Schwellung der Umgebung der Wundenist verschwunden; unter massigen Fieberbewegungen, die nureinmal Abends 40. i ° erreichten, gewöhnlich aber zwischen 38.5bis 39° schwankten, hat sich Eiterung der Wunden eingestellt,wobei drei Knorpel- und Knochenstückchen entleert wurden.Am 14. Februar kleiner Eiterherd an der Innenseite in der Nähedes Eingangs geöffnet. Massige Schwellung der Kapsel, deut-liche Verschiebung des äusseren Knorrens. 5. März: Eiterunggering, gutartig, das Allgemeinbefinden vortrefflich. Der Krankelag noch unverändert und ruhig in demselben Bett und in der-selben Drahthose. Später erfolgte die Heilung.
172. A. L., Gefreiter vom 3. Badischen Dragoner-RegimentPrinz Carl No. 22, verwundet am 9. Dezember 1870: Gewehr-schuss durch den inneren Schenkelknorren. Ausgang: 3 cmunter der Kniescheibe im Bereich des Schienbeinkopfes.Gelenk eröffnet, beide Knochen durchschossen. InFranzö-sischer Gefangenschaft Amputation beabsichtigt; heftige Ent-zündung, Eis; starke Eiterung.
Mitte Januar erst Kleister-, dann Gypsverband; Ausstossungmehrerer Knochensplitter und eines Stückes der Kugel. ImApril 1871 zurückbefördert. Noch im August 1871 musstedas Bein nach Schluss der Wunden in festem Verband bleiben;nach 19 Monaten war das Gelenk steif, noch geschwollen undgeröthet und das Auftreten nicht möglich. (Vergl. v. Beck,S. 612, No. 2.)
173. Deutscher Offizier, verwundet am 16. August 1870 beiMars la Tour: Gewehrschuss, an der Innenseite des linken Knieseindringend; Ausgang an der Wade. 17. August: Verkürzung desBeines um 12 cm; der innere Knorren des Oberschenkelsund der innere Theil des Kopfes des Schienbeins ab-gebrochen, seitliche Verschiebung bedingt die Verkürzung;Hebung der Verschiebung, Gypsverband. Die Wunde heilte
per primam, darnach auch der Bruch ohne Störung; die Beweg-lichkeit begann sich einzustellen. (Vergl. v. Langenbeck,Gesellschaft in Orleans, Deutsche militärärztliche Zeitschrift,1872, S. 266.)
174. B. E., Soldat vom Bayerischen 10. Infanterie-Regi-ment (Prinz Ludwig), verwundet am 2. Dezember 1870 beiOrleans: Gewehrschugs in das linke Kniegelenk. Eingang aminneren Knorren, welcher anscheinend ohne grosse Zer-trümmerung durchbohrt wurde. Die Kugel wurde imGelenk vermuthet. Unerhebliche Schwellung. Geringe Schmerz-haftigkeit des halb gebeugten Gelenks, welches ziemlich gutweiter gebeugt, jedoch nur mit Mühe gestreckt werden konnte.Unbewegliche Lage; Eis. Keine lebhafte Entzündung. Am16. Dezember: Erweiterung der Schussöffnung behufs Eiter-entleerung; Gefensterter Gypsverband. 27. Dezember: Fieber,Kräfteabnahme, Eitersenkungen, die mehrere Einschnitte er-heischten. Die untersuchenden Finger gelangten durch denzerfressenen inneren Knorren bis in die Gelenkhöhle, ohne dasses möglich war, die Kugel zu entdecken. Die in Aussicht ge-nommene Amputation wurde verweigert und von der Resektionwegen des andauernden Fiebers Abstand genommen. Tud am12. Januar 1871.
Sektion: Durchlöcherung des inneren Knorrens, Knochen-frass des Gelenks. Kugel hatte keine weitere Zertrümmerungbewirkt und lag frei in der Gelenkhöhle. (Vergl. Schwabe,Gesellschaft in Orleans, Deutsche militärärztliche Zeitschrift1872, S. 480.)
175. H. H., Grenadier vom Sächsischen 2. Grenadier-Regiment (Kaiser Wilhelm, König von Preussen) No. 101, ver-wundet am 18. August 1870 bei Gravelotte: Gewehrschuss durchden äusseren Knorren des rechten Oberschenkelknochens. ImFeldlazareth zu Montois wurde mit der Sonde wiederholt ver-geblich nach der Kugel gesucht; erhebliche Anschwellung; reich-liche, jauchige Eiterung. 18. September: tiefe Einschnitte Am21. September wurde in Chloroformbetäubung das Geschossoberhalb der Kniekehle herausgezogen. Tod am 29. September.
Sektion: Der äussere Knorren ist schräg von obennach abwärts durchbohrt; im Schusskanal plattgedrückteBleistückchen, das Kniegelenk verjaucht; die Knorpel zerstört,die Knochen theilweise zerfressen.
176. J. B., Musketier vom 6. Brandenburgischen Infanterie-Regiment No. 52, verwundet am 16, August 1870: Gewehrschussdurch das rechte Kniegelenk vom durchbohrten innerenKnorren des Oberschenkels zur Kniekehle. B. starb imFeldlazareth zu Gorze am 25. September.
177. Deutscher J. P.: Gewehrschuss durch das linke Knie-gelenk. Gestorben am 21. März 1 871 in den Karlsruher Baracken
Sektion: Dicht am oberen Rand der Kniescheibe eine ziem-lich grosse Hautwunde; eine zweite kleinere an der Innenseite deslinken Oberschenkels, 2 cm tiefer. Zwischen beiden Oeffnungen ver-läuft ein Kanal, der mit einem kleinen rundlichen in dem oberenAbschnitt des äusseren Knorrens gelegenen Loch beginnend,durch den Oberschenkelknochen in der Richtung nach vorn undoben verläuft. Derselbe mündet an der vorderen Fläche nachinnen von der Mittellinie mit einer 1 cm im Durchmesserhaltenden Oeffhung und zieht an der hinteren Fläche derScheibe, deren äusseren Rand streifend, vorbei und endigtin der vorderen Schussöffnung. Der innerhalb des Oberschenkel-schaftes verlaufende Abschnitt des Kanals ist über 2 1 /? cm lang,die vordere Wand ist etwas abgehoben, steht aber mit demKnochen durch die an den Bruchrändern neugebildeten Knochen-massen in inniger Verbindung. Die Gelenkflächen zeigen dieFolgezustände einer hochgradigen eitrigen Entzündung. Meta-