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3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
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Band III. Spez. Theil.

VI. Abschnitt: Verletzungen des Kniegelenks.

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Kniegelenkschüsse, welche schnell geheilt wurden, alsRingelschüsse an. Andererseits hatte schon Larreyauf die Seltenheit der Umkreisungen des Kniegelenksdurch Kugeln aufmerksam gemacht: ebenso hielt v. Langen-beck ') 1868 das Herumlaufen der Kugel um das halbeGelenk nicht für annehmbar, weil die eckigen Vorsprüngeder Knorren und die Bänder der Kniescheibe hinderndim Wege stehen. Simon (1872) fügt diesen Bedenkenhinzu, dass die kugelrunde Bin- und Aueschussöffnung unddie fehlende Blutunterlaufung der Umgebung der Wundenebenfalls gegen Ringelschüsse spreche.

Der im Feldzuge 1870/71 herrschenden Anschauunggiebt Mac Cormac 2 ) Ausdruck, indem er eine genaueUnterscheidung fordert zwischen wirklichen Gelenköffnungenund solchen Verwundungen, bei denen die Kugel, von denstraffen Bändern abgelenkt, mehr oder weniger weit um dasGelenk herumläuft, ohne einzudringen. Auch in den nach-stehenden Krankengeschichten ist bei vorn und hinten ge-legenen Schussöffnungen 2 mal (No. 50 und 55) die Gelenk-öffnung als zweifelhaft hingestellt.

Dass ein kleinerer Theil des Gelenkuinfanges von einerKugel umlaufen werden kann, wie es bei R. (siehe unten)beschrieben ist, unterliegt gewiss keinem Zweifel. DieKugel war auf der Sehne des zweiköpfigen Muskelseingetreten, am äusseren Knorren des Überschenkel-knochens vorbeigelaufen und hatte den Rand der Knie-scheibe gesplittert. Es ist ferner beobachtet, dass eine inder Mitte der Wade eintretende Kugel ihren Weg überden inneren Gelenkknorren zur Aussenscite des Über-schenkels genommen hat. 3 )

IL wurde stehend an der linken Wade verwundet undfühlte gleich darauf einen zweiten, viel heftigeren Schuss inder Kniekehle, worauf er zu Boden fiel. In der Mitte der Wadefand sich eine unregelmässige Schusswunde, von welcher einln-eiter Kanal in die Kniekehle führte. Nachdem ein Einschnittgemacht war, zeigte es sich, dass die Kugel um den inneren Gelenk-knorren herum, dicht über dem Knochen, nach der Aussenseitedes Oberschenkels gelaufen war; wenige Tage später fand sichbei der Oeffnung eines Eiterherdes hochgradigeZertrümmerung"der Muskulatur bis in das obere Drittel des Oberschenkels;die Kugel wurde nicht gefunden. 4 )

») Vergl. v. Langenbeck, Bede 1868, S. 37.

2 ) Mac Cormac, Notizen und Erinnerungen eines Ambulanz-Chirurgen. Ein Bericht über seine Thätigkeit unter dem BothenKreuze während des Feldzuges 1870/71. Aus dem Englischen über-setzt und mit Bemerkungen versehen von Stromeyer. Hannover 1871.

3 ) Burckhardt, Vier Monate bei einem Preussischen Feld-lazarett während des Krieges von 1870/71. Bericht an das Schwei-zerische Militär-Departement. Basel 1872.

4 ) Diese Beobachtung verdient ausserdem wegen der ganz eigen-thümlichen Ablenkung des Geschosses besondere Beachtung. DieseAblenkung ist vielleicht dadurch zu erklären, dass die Kugel zunächsteinen festen Gegenstand getroffen hat und erst, nachdem sie vondiesem zurückgeworfen worden, in den Unterschenkel eingedrungen ist.Schwerlich vermag das Schienbein eine senkrecht treffende Kugelvon solcher Kraft, dass sie noch Zermalmungen der Muskulatur desOberschenkels zu Stande bringt, in der geschehenen Weise abzulenken.

Die auffallend schnellen Heilungen der in Redestehenden Wunden und die Unwahrscheinlichkeit einerUmkreisung des Gelenks durch das Geschoss brachteSimon auf den Gedanken, dass es sich zwar um Gelenk-wunden, gleichwohl aber nur um Weichtheilverletzungenhandele, da einerseits während des Feldzuges 1870 71die Schwere einer Verwundung vorzugsweise als durchKnochenverletzung bedingt angesehen wurde, 1 ) an-dererseits die unter den Schussöffnungen liegendenknöchernen Gebilde unversehrt waren. Er machte Durch-bohrungen des Kniegelenks und fand, dass eiserne Stäbevon der Dicke einer Chassepotkugel und des PreussischenLangbleis ohne Knochenverletzung durch das gebeugteKniegelenk gestossen werden können, ein Ergebuiss,welches v. Langenbeck (a. a. O., S. öS) noch 1868 nichtfür möglich hielt. Der dünnere Stab erforderte eineBeugung des Knies von 170 °, um unterhalb der Scheibe,durch und neben dem Scheibenband, zur Kehledurchzudringen, für den Langbleistab war eine Beugungvon 150 ° erforderlich. Je stärker die Beugung war, destohöher lag die hintere Oeffnung. Zur Querdurohbohrungzeigte sich für den Chassepotstab 165 ° Beugung nöthig.Nach Herausnahme des Eisens fand bei der Streckuug eineVerschiebung der Weichtheile statt, vorn nach oben,so dass in der Oeffnung die mit Beinhaut und Fasergewebebekleidete Scheibe sichtbar war, hinten nach unten, sodass die feinste Sonde nur die Tiefe der Hautwunde er-reichen konnte. Bei den Querdurchbohrungen stellte sichgeringere Verschiebung ein, so dass die zusammengedrückteOeffnung der Kapsel sichtbar blieb und meist Gelenk-liüssigkeit austrat.

Stabsarzt Bohr, 2 ) welcher die Versuche in Berlinwiederholte, fand unwesentliche Abweichungen. Er konntedas Langbleieiscn erst bei 165 ° Beugung ohne Knochen-verletzung durchbringen, auch war die Verschiebung derHaut über der vorderen Wunde nicht vollkommen, wahr-scheinlich (S. 149) deshalb, weil der Versuch an einergefrorenen Leiche gemacht wurde, während Simon an-scheinend nicht gefrorene Gelenke benutzt hat.

Dass jedoch der günstige Verlauf dieser Wunden nichtin erster Linie durch das Fehlen von Knochenverletzungen,sondern durch den schnellen Schluss der Oeffnungen inFolge der veränderten Lage der Weichtheile bedingt war,haben später im Russisch-Türkischen Feldzuge von 1877/78die Erfolge bewiesen, die v. Bergmann auch bei Knie-gelenkbrüchen mit dem aseptisch gepolsterten, unge-fensterten Gypsverband, der möglichst bald nach der

Die Empfindung des Verwundeten, von einem zweiten Schusse in derKniekehle getroffen zu sein, ist vielleicht auf ausgedehnte Nerven-verletzungen zurückzuführen. Der Mann selbst behauptete, er seidurch ein Sprenggeschoss verletzt.

J ) Vergl. z. B. No. 52 der nachstehenden Kasuistik:Der Verlaufwar günstig, da die Knochen nicht wesentlich verletzt waren."

2 ) Bohr, Zur Diagnose der Schussverletzungen des Kniegelenks.Deutsche militärärztliche Zeitschrift, Jahrgang 1872, S. 146.