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3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
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VIT. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.

Band in. Bpez. Theil.

schwindenden Ausnahmen entweder ausgedehnte Wundenoder rissen die getroffenen Gliedmaassen mit sieh fort. 1 )

Oeffnung der Gelenkkapsel nach vorangegan-gener Hautquetschung beobachtete v. Esmarch: 2 )nachdem sich ein kreisrundes Hautstück der getroffenenStelle brandig abgestossen, entstand in der Kapsel einnadelkopfgrosses Loch. Auch im Italienischen Kriegekamen zwei Quetschungen vor, nach welchen sich wenigeTage später rundliche Hautstellen lösten und aus einerkaum erbsengrossen Oeffnung Gelenkflüssigkeit austrat.I!ei K. (No. 5 der nachstehenden Kasuistik) war die Kapselin gleicher Weise eröffnet; die äussere Haut schien zwarverletzt zu sein, aber es hatte sich ein Schorf gebildet,nach dessen Abstossung Gelenkflüssigkeit austrat und dieEntzündung stärker wurde.

Nach Durchbohrung der Haut durch eine nichtaustretende Gewehrkugel war anscheinend 6 mal die Kapselgequetscht: zwischen Kniescheibe und Schienbeinstachelbezw. äusserem Knorren des Oberschenkelknochens (No. 2und 3), oberhalb der Kniescheibe (No. 7), durch ein strei-fendes Gewehrgeschoss an der hinteren Seite (No. 8); auch beider Verwundung des Seh. (No. 6) angeblich durch gehackteBleistücke, 3 ) scheint keine Kapselöffnung entstanden zu sein;endlich war bei K. (No 4) durch einen Granatsplitter einhandtellergrosser Weichtheillappen abgerissen und dieKapsel freigelegt.

Die Eröffnung des Gelenks ohne Verletzungvon Knochen geschah entweder in der Weise, dass dieKapsel nur an einer Stelle durchlocht (No. 9 bis 46), oder dasssie durch ein Geschoss, welches die Gelenkhöhle durchlief,an zwei Stellen durchbohrt wurde (No. 47 bis 90). DieGeschosse, welche Verletzungen der erstgenannten Art er-zeugten, hatten zum grösseren Theil die Kniegegend ledig-lich gestreift; nur vereinzelt waren sie unter der Hautfortgelaufen, so dass sie durch Einschnitt (No. 11, 35, 41,44, 45 und 40 erst bei der Sektion) entfernt werdenmussten, oder hatten ihre Richtung mehr nach dem Mittel-punkt der Gelenkhöhle genommen und waren in der Kapsel-wand stecken (No. 42) oder im freien Raum des Gelenksliegen geblieben (No. 31 [?] 46).

Streifschüsse fanden sich, wenn man sieh den Ver-wundeten stehend vorstellt, sowohl wagerecht als in derRichtung von oben nach unten. Zum Zustandekommender in diesem Sinne als senkrecht bezeichneten Streifungenbietet sich nicht bloss durch Schüsse von einer Höhe oderaus einem Stockwerk, sondern auch beim Liegen und inBeugestellung des Beines Gelegenheit. Sowohl beim Knienals beim Gehen tritt der Kopf des Schienbeins hinter dasGelenkende des Oberschenkelknochens, so dass beide zugleichdurch eine mehr horizontal fliegende Kugel erreicht werden

9 Einzelne Beispiele von Knochenbrüehen ohne äussere Wundensiehe übrigens im VIII. und X. Kapitel dieses Bandes (Verwundungendes Oberarms bezw. des Oberschenkels).

*) v. Esmarch, a. a. 0., S. 127.

3 ) Vergl. Allgemeinen Theil dieses Bandes, 1. Kapitel, I.Abschnitt.

können. Am vorderen Abschnitt des Kniegelenks fandensich annähernd wagerechte Streifungen der Kapsel neben(No. 9, 13, 33), unterhalb (No. 14 bis 16, 34) und oberhall)der Kniescheibe (No. 17 bis 20), mehr senkrechte bei den unterNo. 21 bis 23 und 36 bis 38 aufgeführten Verwundeten:anscheinend an den Seiten des Gelenks verliefen Geschosse3 mal (No. 24, 31, 41); 4 mal war die Kapsel in der Knie-kehle gestreift (No. 26, 27, 30, 39). Bei dem Verwun-deten M. (No 30), bei welchem das Geschoss am Köpfchendes Wadenbeins ein- und oberhalb des inneren Knorrensdes Oberschenkels ausgetreten war, ist der hintere Kapsel-umfang deshalb als verletzt angenommen, weil die Ver-bindungslinie der Wunden bei starker Beugung in dieserGegend verläuft. Mehr im rechten Winkel wurde dieKapselfläche bei den Verwundeten No. 31, 42, 46 getroffen.Ein Sektionsbefund einer in Heilung begriffenen Wunde(No. 38) giebt ein anschauliches Bild einer vernarbtenKapselöffnung nach Streifung. Von der Einschussöftiuuigsowohl, welche an der Aussenseite 7.7j cm unterhalb derKniescheibe lag, als auch vom Ausgang, der sich nahe amunteren Schienbeinrande befand, liefen blinde Kanäle biszur getroffenen Kapselstelle, welche sehnig verdickt und 'strahlig eingezogen war.

Die Durchdringungen der Kapsel ohne Knochenbeschä-digung durch Geschosse, welche sowohl beim Eintritt wiebeim Austritt das Gelenk an zwei gegenüberliegendenStellen öffnen, haben eine gewisse Berühmtheit erlangt,weil der Heilungsverlauf derselben in vielen Fällen sogünstig war, wie man ihn bei Kniegelenkschüssen frühernicht für möglich hielt. Simon 1 ) sah im Feldzuge von1866 fünf bis sechs derartig Verwundete, die als chirur-gische Merkwürdigkeiten gezeigt wurden, da sie,obwohl nach der Lage der Ein- und Ausschussöffnung dasGelenk durchbohrt sein musste, bei der Ankunft im Re-servelazareth Berlin, 17 bis 20 Tage nach der Verletzung,fast geheilt waren. Ebenso berichtet Simon, dass imKriege 1870/71 die schnelle Heilung von 20 bis 25 der- 1artiger Verwundungen in den Badischen Reservelazarethen I 1allen Aerzten unbegreiflich und räthselhaft blieb. Es hattesich bereits früher die Ansicht gebildet, dass bei diesenVerwundungen das durch die Haut tretende Geschoss nichtdie Kapsel öffne, sondern das Gelenk umkreise und ander gegenüberliegenden Stelle wieder austrete. H. Schwärtzz. B. (a. a. 0., S. 173) beschreibt in dieser Weise den Ver-lauf einer Kugel: sie war in der Kniekehle ein- und aminneren Rande der Scheibe ausgetreten, nachdem sieden inneren Knorren ohne Verletzung desselben um-laufen hatte. Der Verwundete konnte nach 8 Wochenaufstehen, die anfangs bestehende Steifheit des Gelenksschwand allmälig. Ebenso sah Stromeyer 2 ) 1866 alle

!) Simon, Kriegschirurgische Mittheilungen zur Prognose undBehandlung der Schusswunden des Kniegelenks. Deutsche Klinik1871. S. 257. 1

2 ) Stromeyer, Erfahrungen, 1867, S. 56.