Bond III. Spcz. Theil.
V. Abschnitt: Verletzungen des Hüftgelenks.
761
»
2. Ohne Angabe einer Verletzungdes Sehenkelkopfes.
97. R. F., Lieutenant, verwundet am 6. August 1870 beiWörtb: Ausser zwei Streifschüssen Scbussbruch des rechten Hüft-gelenks. Eingangsöffnung 5 cm oberhalb des grossen Rollhügelsder rechten Seite. Die Kugel ist, hart am Schenkelhalsvorbeigehend, in das Gelenk eingedrungen, auswelchem sie am 20. Tage nach* der Verwundung entfernt wird.
Am 25. November 1871 noch dauernde Bettlage. ObereHälfte des Oberschenkels stark geschwollen. Bein stark ab-gemagert. Der rechte grosse Rollhügel steht 4 cm weiter vonder Schamfuge ab als der linke. Mehrere der Pfanne an-gehörige Knochenstücke werden noch aus dem Schusskanal her-ausgezogen.
Am 8. Februar 1873: Knöcherne Steifheit des Hüftgelenksund bedeutende Knochenauftreibung. Das Bein ist um 4cmverkürzt. Das Becken zeigt die entsprechende Schiefstellung.Bein in Knie- und Hüftgelenk leicht gebeugt und stark nachaussen gedreht, (lang mit Krücken. (Vergl. v. Langenbeck,S. 51, No. 13.)
98. M., Soldat vom 4. Badischen Infanterie - RegimentPrinz Wilhelm No. 112, erhielt eine Gewehrkugel, welchedicht neben der Schenkelschlagader eintrat und stecken blieb,zwei Stücke von derselben wurden später herausgezogen. DieEntzündung war anfangs gering, die Schmerzhaftigkeit nichtsehr gross. In der zweiten Woche jedoch stellten sich beihohem Fieber und reichlicher jauchiger Eiterung Schüttelfrösteein, es trat schneller Kräfteverfall und der Tod an Pyämie am18. Tage ein.
Die Sektion ergab, dass der Schusskanal hart nach aussenan den Gefässen gegen den Schenkelknochen verlief, an welchemin der Mitte zwischen grossem und kleinem Roll-hügel eine Stelle der Beinhaut beraubt war und einSprung bestand. Das Gelenk war eröffnet und ver-jaucht, die Pfanne zeigte einen starken Sprung. Dieentstellte Kugel lag in den Muskeln der äusseren Seite desSchenkels. (Vergl. v. Beck, S. 601, No. 4; v. Langenbeck,S. 63, No. 29; Deininger, S. 318, No. 23.)
99. Deutscher B., verwundet am 6. August 1870 bei Wörth:Gewehrschuss. Eingang rechts vom After. Ausgang 10 cmunter der rechten Leistenfalte. Als Haarseilschuss der linkenHinterbacke bezeichnet. Tod am 22. August im ReservelazarethKarlsruhe.
Sektion: Die Kugel hat den hinteren Sitzbeinastdurchbohrt, den unteren Pfannenrand gesplittert. ImGelenke schwarze Flüssigkeit, Gelenkkopfknorpel angefressen,Pfannenknorpel frei. (Vergl. Klebs, S. 90, No. 130.)
100. Ungenannter Offizier: Einschuss rechts dicht unterder Mitte des Leistenbandes, nach aussen von den Gefässen.Kugel steckt, wird hinter dem grossen Rollhügel ausgeschnitten,wobei Knochensplitter fühlbar sind. Bewegung im Hüftgelenkfrei und wenig schmerzhaft, so dass es im Anfang noch zweifel-haft bleibt, ob wirklich das Gelenk geöffnet sei. Am 7. Tageheftige Schmerzen im Gelenk. Am 9. Tage entleert sich ausder Eingangsöffnung eine weissgelbe, klebrige Flüssig-keit, mit Eiter gemischt, als deren Ursprung der am Psoasliegende Schleimbeutel angenommen wird. AnhaltendesFieber, Irrereden. Nach 3 Wochen Frostanfälle. Am 33. TageTod an Pyämie.
Sektion: Ein Stück des wagerechten Schambeinastes,abgesprengt und in die Gesässmuskeln gedrängt, hatte hier eine
SanitiU-Bericht Über die Deutschen Heere 1870,71. III. Bd. Spei. Theil.
grosse Eiterhöhle gebildet. Der obere Pfannenrand ge-brochen. Eitrige Gelenkentzündung. Markentzündungdes Schenkelknochens. (Vergl. Rupprecht, S. 60; v. Langen-beck, S. 56, No. 6.)
101. Franzose M- B., verwundet am 6. August: Schuss inden linken Oberschenkel, eine Hand breit unter dem grossenRollhügel. -28. August: Die Eintrittsöffnung heilt; Schmerzenim Verlauf des Sitzbeinnerven. Am 30. August Durchfälle,Schüttelfröste, linksseitige Lungenbrustfellentzündung. Tod am5. September.
Sektion: Die Kugel geht durch den oberen hinterenTheil der Gelenkpfanne, Sitz- und Schambein zer-schmetternd, an der linken Seite der Wirbelsäule bis zum3. Lendenwirbel hinauf, woselbst sie in dem M. psoas in ihrerForm sehr verändert stecken blieb. Bauchfellentzündung derlinken Beckenhälfte, Brustfellerguss links und Lungenbrustfell-entzündung rechts. (Vergl. Schinzinger, S. 67; v. Langen-beck, S. 58, No. 9: Deininger. S. 328. No. 45.)
3. Brüche durch Schuss von der Becken-höhle aus.
102. F. Seh., Soldat vom Bayerischen 3. Infanterie-Regi-ment (Prinz Karl von Bayern), erhielt am 2. Dezember 1870einen Gewehrschuss durch das linke Hüftgelenk. Ein-gang am linken Rande des Kreuzbeins. Ausgang dichtunter dem linken Leistenbande nach aussen vom Scham-beinhügel. Urin wurde nur in geringer Menge durch die Harn-röhre entleert, sondern floss 4 Wochen lang, anfangs mit Blut,später mit Koth gemischt, durch beide Schussöffnungen aus.
Am 20. März 1871: Vollständige Heilung der Wunden.Der Oberschenkel stand in Beugung beinahe vollkommen unbe-weglich. (Vergl. v. Langenbeck, S. 48, No. 3.)
103. J. B., Füsilier vom 2. Badisehen Grenadier-RegimentKaiser Wilhelm No. 110, verwundet am 18. Dezember 1870beiNuits:Gewehrschuss durch das rechte Hüftgelenk unddie Blase. Das Geschoss trat 5cm unter der linken Leisten-beuge ein und über dem rechten grossen Rollhügel aus. Am19. Dezember im Feldlazareth Dijon: Lähmung der Blase, ausder rechten Wunde, die bald sehr stark eiterte, floss Urin ab,der aufsteigende Ast des Sitzbeins war zerschmettert.Bald wurde das Fieber sehr hoch, es bildete sich in der 4. WocheHarnansammlung ausserhalb der Blase, Druckbrand. Eine Opera-tion wurde wegen der Entkräftung nicht vorgenommen.
Am 12. Januar 1871 sehr starke Jauchung; aus der Wundeentleeren sich Gase und kleine Splitter. Am 20. Januar Tod.
Sektion: Im Becken befindet sich neben der Blase eineHöhlung, die einen Urinbehälter darstellt; das Geschoss wardurch das linke eiförmige Loch ins Becken einge-drungen, hatte die Blase verletzt und durch dierechte Gelenkpfanne sich nach rechts aussen begeben.Kopf- und Pfannenknorpel zerstört, der Knochen und die tiefsteFläche des Darmbeins rauh. (Vergl. v. Beck, S. 562, No. 2.)
104. W., vom 6. Ostpreussischen Infanterie-RegimentNo. 43, verwundet am 14. August 1870. Die hart neben demgrossen Sitzbeinausschnitt etwas oberhalb der Verbindungs-stelle zwischen Darm- und Sitzbein einschlagendeKugel lief eine Strecke weit zwischen Pfanne undBeckenrand in das Sitzdarmbein vorwärts und er-öffnete gerade die tiefste Stelle der Pfanne. Am28. August: Jauchung bei starkem Fieber, Gesässgegend ge-schwollen, die Bewegungen im Hüftgelenk sind frei und schmerz-
96