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Vit. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.
Band III. Spez. Theil.
Sektion: An der Stelle des kleinen Rollhügels findetsieh ein guldengrosser Verlust der Rindenschicht, an der hinterenSeite des Halses ein bohnengrosses Knochenplättchen, amKopf eine tiefe Rinne und Sprünge nach verschiedenenRichtungen. Fehlen des knorpligen Ueberzuges an Kopf undPfanne. Beide Brustfellhöhlen sind voll Eiter, in beiden Lungeneingekeilte Eiterherde. Die Schleimhaut des Dick- und Mast-darms gewulstet und mit diphtherischen Schorfen besetzt.(Vergl. Arnold, S. 83, No. 60; v. Langenbeck, S. 66, No. 60;Deininger, S. 83, No. 60.)
80. L., Grenadier, verwundet am 18. August 1870 beiGravelotte : Gewehrschuss. Eingang unter dem rechten Leisten-bande nach aussen von der Schenkelschlagader. Am Schenkel-kopf waren Knochensplitter und eine Schussrinne zu fühlen; dieKugel steckte. Verjauchung in der Tiefe. Am 27. August indem Reservelazareth zu Ludwigsburg aufgenommen. 4. Sep-tember: Tod an Septicämie.
Sektion: Gelenkkopf nach vorn und unten verrenkt,Jaucheherd im Bauchraum. Die Kugel war nicht aufzufinden.(Vergl. Ott, Kriegschirurgische Mittheilungen, S. 53; v. Lan-genbeck, S. 55, No. 2; Deininger, S. 334, No. 65.)
2. Einkeilungen des Geschosses.
81. \V. B., Musketier vom 7. Westfälischen Infanterie-Regiment No. 56, verwundet am 16. August 1870 bei Marsla Tour: Gewehrschuss in den Gelenkkopf des rechtenOberschenkels; eine zweite Kugel trat am Rande des Darm-beins ein und 5 cm höher vorn durch die Bauchdecken aus. B.wurde geheilt. Das Hüftgelenk war steif, Gelenkkopf auf-getrieben, Stellung des Fusses nach auswärts, Brauchbarkeitdes Gliedes sehr behindert. Die 4 cm grosse Narbe vertieft, mitdem Knochen verwachsen, fest, aber etwas spannend. 6. Juni1871: dauernd ganzinvalide und grösstentheils erwerbsunfähig.(Vergl. Deininger, S. 324, No. 38 u. 38a; Berthold, S. 522.)
Weitere Auskunft geben spätere Atteste:
Am 25. Januar 1872 wurde das Vorhandensein einesBlasenleidens bescheinigt, dessen Entstehen B. später (1882)auf eine Erkältung zurückführte, die er sich durch langesLiegen auf dem Schlachtfelde zugezogen haben will.
Befund am 1. April 1873 (nach vierwöchentlichem Auf-enthalt im Lazareth Düsseldorf behufs Beobachtung): Langehagere Gestalt, kräftiger Knochenbau, kränkliches Aussehen.Der willkürlich entleerte Urin ist dunkel und enthält schleimig-eitrige Flocken, welche von Zeit zu Zeit blutig gefärbt sind.Die Einführung des Katheters ist am Blaseneingang wegenentzündlicher Reizung des Schliessmuskels sehr empfindlich.Zeitig gänzlich erwerbsunfähig und verstümmelt.
Befund am 13. Oktober 1874: Das Aussehen des Manneshat sich gebessert; die Haut in den Handflächen ist schwielig,das Hüftgelenk steif, der Schenkel nach aussen gedreht undnur unwesentlich verkürzt. Das Bein befindet sich in gutemErnährungszustand, Knie- und Fussgelenk sind fast freibeweglich. Bei Witterungswechsel treten angeblich Schmerzen,besonders im Knie auf; im Urin soll etwa alle acht Tage, na-mentlich bei schlechtem Wetter, unter gleichzeitig auftretendenKreuzschmerzen, etwas eitriger Bodensatz vorkommen. Gehenist angeblich mit Hilfe eines Stockes eine Viertelstunde langmöglich. „Der jetzige Zustand ist ein so vorzügliches Heilungs-ergebniss einer Hüftgelenkverwundung, wie es nur je zu er-hoffen war." Dauernd grösstentheils erwerbsunfähig.
In der Folgezeit wurden mehrmalige Gesuche um Erhöhungder Pension abschläglich beschieden. Im Jahre 1880 lief eineAnzeige ein, dass B. mit Unrecht Pension bezöge, da er als
Fuhrmann fast täglich seinem Geschäfte obläge und sich mitFeldarbeit beschäftigte; er sollte sogar Roggensäcke im Gewichtvon 100 Kilo auf seine Karre geladen haben.
Im Jahre 1883 nahm der Blasenkatarrh an Heftigkeit zuund Schmerzen im Hüftgelenk traten auf, die den Schlaf störten.Als Grund derselben wurde beginnende Knochenhautentzündungangesehen. Badekur in Königsborn.
Die Zeit vom 31. August bis 1. Oktober 1883 brachte B.im Garnisonlazareth Münster zu. Der Ernährungszustand warmangelhaft, das Aussehen schlecht, das rechte Bein ab-gemagert. Aus der Schussnarbe, vorn rechts über dem oberen'Darmbeinstachel wurde durch Einschnitt dicker, flockiger Eiterentleert, die Sonde gelangte an der Innenseite des rechtenDarmbeins auf rauhen Knochen. Etwas tiefer befanden sichnoch zwei untereinander liegende runde grössere Narben. Beider Entlassung war der Einschnitt noch nicht vernarbt. Nurmit Hilfe von zwei Stöcken konnte sich B. mühsam fortbewegen.Einfach verstümmelt und fremder Pflege und Wartung bedürftig.
Befund bei der kommissarischen Untersuchung am 11. Ok-tober 1887: Klagen über Schmerzen, welche von der verletztenHüfte nach dem rechten Knie und hin und wieder bis zumFusse hin ausstrahlen, sowie über zeitweise Störungen derHarnausscheidung, bei denen häufig schmerzhaftes Drängenzum Urinlassen sich einstellt. Bisweilen soll auch Harnträufelnstattfinden. B. sieht zwar noch blass aus, ist aber leidlich gutgenährt. Esslust und Verdauung sind ungestört. Kein Fieber.Mit Hilfe eines Stockes bewegt er sich im Zimmer und auf derStrasse langsam und hinkend, indem er das rechte Bein miteiner drehenden Verschiebung des Beckens nach vorn undaussen bringt und den auswärts gerichteten Fuss mit ganzerFläche aufsetzt. Das Vorschieben des linken Beins erfolgtdann leicht und sicher. Hüftgelenk vollkommen steif, grosserRollhügel deutlich abzutasten. Der Oberschenkel ist etwas nachaussen gedreht, zugleich leicht nach aussen gebogen; in derMitte fühlt er sich härter an und hat einen grösseren Umfangals der linke, nirgends besteht Schmerzhaftigkeit auf Druck.Auch der innere Gelenkknorren des rechten Oberschenkels amKnie ist 1.5 cm stärker als linkerseits; im Kniegelenk freieBeweglichkeit. Der rechte Fuss ist vollkommen nach auswärtsgedreht, so dass bei Rückenlage des Kranken der äussere Fuss-rand fast die Unterlage berührt; zugleich besteht eine leichteSpitzfussstellung. Das Fussgelenk selbst ist ganz frei. DieVerkürzung des rechten Beins beträgt 2 cm. Die Muskulaturdes rechten Unter- und Oberschenkels ist in massigem Grade,die des Gesässes sehr bedeutend geschwunden; die Gesässfaltefast verstrichen. Andauernder Blasenkatarrh. Im filtrirtenUrin kein Eiweiss. Die Nothwendigkeit fremder Pflege undWartung wird dauernd anerkannt, Verstümmelung dagegeinicht mehr als vorliegend erachtet.
82. D. B., Füsilier vom Oldenburgischen Infanterie-Regiment No. 91, verwundet am 16. August 1870 bei Marsla Tour: Ausser einer Schusswunde des Vorderarms, mitStreuung der Knochen, welche gut heilte, Gewehrschuss in daslinke Hüftgelenk. Eingang der Kugel 4 cm hinter dem grossenRollhügel. B. kam am 20. August in das Reservelazareth zuBirkenfeld. Die Wunde der Hüfte heilte, obgleich die Kugelnicht gefunden wurde, hinterliess aber starkes Hinken; indessenbildete sich wieder Eiterung, der Schenkel verlängerte sich,indem der Kopf auf den vorderen Rand der Gelenk-pfanne verrenkt wurde. Die Eiterung nahm beständig zu;trotz aller Bemühungen wurde das Geschoss nicht gefunden.Durch heftige Eiterung und hohes Fieber erlitt der Verwundeteso hochgradige Schwächung, dass kein operativer Eingriffmöglich war. Am 30. Januar 1871: Tod an Pyämie.