754
VII. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.
BandHL Spez. Theil.
durchbohrt hatte, kaum 2 nagelkopfgrosse Stückchen wareu amRande der Austrittsöffnung aus dem Knochen abgesplittert. DieKugel war dann durch das eiförmige Loch gedrungen und lagneben dem Mastdarm auf dessen linker Seite in einer grossenJauchehöhle, welche Senkungen nach dem Hodensack unddem Zellgewebe des Dammes gemacht hatte. Das Hüftgelenkwar nicht verletzt (?), jedoch mit trüber eitriger Flüssig-keit gefüllt, die Kapsel war schlaff und ihre innere Flächeebenso wie die Gelenkknorpel glanzlos, trüb. Die Kugel warfast unverändert, an ihrer Spitze war ein kleines Knochen-stückchen eingekeilt. (Vergl. Lücke, Kriegschirurgische Fragenund Bemerkungen, Bern 1871, S. 68, No. 63 mit Abbildung;v. Langenbeck, S. 62, No. 24; Deininger, S. 326, No. 44.)
4. Brüche des Schenkelhalses mit Trennung
des Zusammenhanges.
43. F. v. R., verwundet am 6. August 1870 bei Spicheren:Eingang vorn dicht über dem grossen Rollhügel. Kugel steckt.Ende September war in Saarbrücken die Heilung fast vollendet.Bein stark geschwollen, nach aussen gerollt und verkürzt, Be-wegung unmöglich. Im Dezember wurde in Breslau die Kugelaus einer Spalte des Halses entfernt, welcher einen unver-kennbaren, von Kallusmassen überwucherten Bruch ausser-halb der Kapsel zeigte. Nur an der Stelle, wo die ver-änderte Kugel lag, befand sich eine Lücke im Kallus. DieBruchenden verschoben sich bei starken Drehungen noch einwenig aneinander. Es hatte sich also mehr eine Kalluskapsel,als eine Verbindung der Bruchenden gebildet. Zugstreckung.
Ende März 1871 Heilung. Missgestaltung des Gelenks ge-ring, Beweglichkeit sehr behindert. Fussspitze stark nachaussen gerichtet. Verkürzung um 4 cm.
Das Invalidenattest vom 9. April 1874 giebt über denweiteren Verlauf Aufschluss. Der wiederholte Gebrauch von"Wiesbaden hat zwar die bestehende grosse Schwäche etwas ge-hoben, eine Besserung des Leidens jedoch nicht bewirkenkönnen. Das Gelenk ist vollkommen steif, die überhaupt nochmöglichen Bewegungen werden theils durch Verschiebung desBeckens, theils durch Nachziehen des Beines oder Unterstützungdes Unterschenkels durch die Hand bewerkstelligt, viele Be-wegungen dagegen, namentlich Beugen des Oberkörpers, An-ziehen des Beines, sind gänzlich unmöglich, so dass v. R. nurunter grossen Schwierigkeiten Treppen auf- und absteigen kannund gänzlich ausser Stande ist, sich allein aus- und anzukleiden.Wegen vollkommener Steifheit des linken Hüftgelenks undhochgradig beschränkter (iebrauchsfähigkeit des linken Beinesdauernd ganzinvalide und fremder Pflege bedürftig. (Vergl.H. Fischer, S. 173, No. 254 und S. 200; v. Langenbeck,
5. 53, No. 16. — Von Deininger [S. 242 und 263] nicht auf-genommen, weil die Betheiligung des Hüftgelenks nur zu ver-muthen war,)
44. H. I)., Hauptmann, verwundet am 19. Januar 1871 beiSt. Quentin: Gewehrschuss. Schussöffnungen vorn in der Mitte derLeistenfalte und hinten in der Mitte zwischen dem grossen Roll-hügel und dem Sitzknorren. Bis zum Sommer 1872 hat die Eiterungunter zeitweiser Ausstossung von abgestorbenen Knochensplitternangedauert. 7.November 1872: Die Beweglichkeit im lin-ken Hüftgelenk ist wegen Verunstaltung des Knochens durchgrosse Kallusmassen in der Nähe des Gelenks in bedeu-tendem Grade beschränkt. Nur sehr schwache Beugung,etwa um 15°, ist möglich. Verkürzung des Oberschenkels um11 cm. Auch das massig angeschwollene linke Kniegelenk lässtnur sehr geringe Bewegungen zu. Die Behinderung wird hier
durch Verwachsungen im Gelenk und Schrumpfung der Kapselin Folge von Entzündung verursacht. Die stärkste Beugungbeträgt 150°. D. ist seit einiger Zeit im Stande, mit Hilfeeines Stockes, hohen Absatzes und einer Korksohle, durch welchedie Verkürzung zum Theil ausgeglichen wird, sich mühsameine ganz kurze Strecke fortzubewegen. Obschon eine Kräftigungder schlaffen Muskulatur und grössere Beweglichkeit desKniegelenks vielleicht mit der Zeit noch eintreten kann, so istdadurch eine wesentliche Besserung des Gebrauchs des Beinesdoch nicht zu erwarten, da die Verkürzung dieselbe bleibenmuss und eine grössere Beweglichkeit des Hüftgelenks nicht ein-treten kann. Dauernd ganzinvalide und einfach verstümmelt.
24. Juni 1874: Zustand unverändert. Es steht keinegrössere Beweglichkeit des Hüft- und Kniegelenks zu erwarten.Dauernd verstümmelt.
45. Ungenannter (Deutscher, da er im Jahre 1873 nochzuweilen von v. Volkmann gesehen ward), verwundet bei Toul:Unzweifelhafter Schussbruch des Schenkelhalses inner-halb der Kapsel, anfangs nicht erkannt. Nach Abblätterungeiniger Knochenstückchen Heilung. Gelenk steif, Kallus ist garnicht zu fühlen, so dass der Hals sicher innerhalb der Kapselverletzt war. Fussspitze nach aussen. Verkürzung um etwa2'/2 cm. (Vergl. Volkmann, klinische Vorträge, No. 51, 1873,
5. 301; v. Langenbeck, S. 53, No. 22; Deininger, S. 330,No. 57.)
46. C. R., Füsilier vom 5. Thüringischen Infanterie-Regiment No. 94 (Grossherzog von Sachsen), verwundet am
6. Januar 1871 bei La Fourche, durch Gewehrkugel. Eingangdicht unter dem rechten Schambeinhöcker. Ausgang hinterdem grossen Rollhügel derselben Seite. Gelenkverletzung anfangsübersehen, v.Langenbeck fand einen unzweifelhaften Bruchdes Schenkelhalses: Der Rollhügel war in die Höhe ge-wichen, das Bein um 6 cm verkürzt, die Fussspitze etwas nachaussen gedreht, Gelenk stark geschwollen und die Schenkel-schlagader stark hervorgedrängt, so dass sie unmittelbar unterder Haut pulsirte.
Anfangs in einfacher Rückenlage, vom 1,1. März an mitGewichtstreekung behandelt. Später acht Wochen lang Gyps-verband. Der Verwundete wurde nach Ulm und später nachSernen in Graubünden übergeführt. Gelenkeiterung dauerte bisAugust 1871. Durch wiederholte Einschnitte wurden Theile derPfanne, des Kopfes und Halses herausgezogen. Heilrngder Wunden vollendet im Oktober 1871.
Im Frühjahr 1872 kam R. nach Berlin. Die Verkürzungdes rechten Schenkels betrug 2 cm und wurde durch Beckv.n-senkung ausgeglichen. Gang sehr gut, ohne zu hinken m.dselbst ohne Stock. Geringe Beweglichkeit im Hüftgelenk vor-handen. Die noch mangelhafte Beweglichkeit im Fuss- umKniegelenk wurde durch die Bäder in Wiesbaden vollkommenhergestellt. (Vergl. Neubauer, Die Königliche Wilhelms-Heil-anstalt zu Wiesbaden im Jahre 1872. Deutsche militärärztlicheZeitschrift 1873, S. 205, No. III, 1; v. Langenbeck, S. 48,No. 2; Deininger, S. 330, No. 54.)
47. B., Unteroffizier vom 7. Westfälischen Infanterie-Regiment No. 56, verwundet am 27. September 1870 vor Metz:Einschuss durch den linken Sitzbeinausschnitt. Aus-schuss in der Höhe des grossen Rollhügels. Der Ver-wundete stürzt sofort nieder, Fuss stark nach aussen gefallen.Die 12 Stunden nach der Verwundung angestellte Untersuchungsoll ausgedehnte Zerschmetterung des Hüftgelenks er-geben haben. Die vorgeschlagene Exartikulation wurde ver-weigert. Herausnahme mehrerer grosser Knochensplitter;Gypsverband, später doppelt geneigte schiefe Ebene.
^