Band III. Spez. Theil.
V. Abschnitt: Verletzungen des Hüftgelenks.
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II. Diasrnose.
Die Schwierigkeit der Diagnose der Hüftgelenkver-letzungen wird am besten dadurch gekennzeichnet, dassaus den Feldzügen bis Ende der 40er Jahre nur vereinzelteBeobachtungen über Hüftgelenkschüsse vorliegen. Erst nach-dem die Gelenkkrankheiten überhaupt genauer erforscht unddie Zeichen derselben festgestellt waren, ist aus dem Nord-amerikanischen Kriege über eine grössere Anzahl derartigerVerletzungen berichtet. Billroth') war verwundert, dasser im Kriege 1870/71 die Diagnose noch schwieriger fand,als er bisher angenommen hatte.
Fehlt der Ausschuss und lässt sich die Kugel nicht durchdie Haut fühlen, so ist die Schussrichtung oft gar nichtzu erkennen, während bei vorhandenem Ausschuss der Kanalhäufig von der geraden Verbindungslinie beider Oeffnungenabweicht. Das Gescboss wird durch die starken Knochen desBeckens und Oberschenkels (No. 98), die dicken Sehnen undfesten Muskelhäute häufiger als bei dem oberen Rumpfgelenk,welches allein zur Vergleichung herangezogen werden kann,von seiner Bahn abgeleitet (No. 17) und der Wundkanal durchdie bei veränderter Gelenkstellung verschieden gelagertenMuskeln verschoben. Ausserdem findet zuweilen Theilung desGeschosses statt (No. 11, 17, 78), so dass es bei vorhandenemAusschuss möglich ist, dass ein abgetrenntes Stück seinenbesonderen Weg macht und stecken bleibt. Endlich istdie Gegend des Gelenks, bei der grossen Entfernung des-selben von der Körperoberfläche, nicht so scharf abzugrenzenwie bei dem Schultergelenk, v. Langenbeck hat (a. a. 0.,S. 0) die Richtung der Hüftgelenkschüsse und den Umfangdes Treffgebiets genauer bezeichnet.
Verletzung des Gelenks kann stattfinden, wenn sichder Ein- und Ausgang der Kugel innerhalb eines Dreiecksbefindet, dessen Grundlinie den grossen Rollhügel schneidetund dessen Schenkel vorn am oberen Darmbeinstachel imspitzen Winkel zusammenstossen. Tritt das Geschoss 4 cmunterhalb des oberen Darmbeinstachels im rechten Winkelein, so geht es gerade in den Gelenkkopf. Je offener derWinkel ist, desto mehr erweitert sich das Treffgebiet überdie vordere Fläche des Schenkels, nach der inneren Seitebis zur Schambeinfuge (No. 41), nach der äusseren bis zumgrossen Rollhügel.
Oeffnungen vor und hinter dem grossen Rollhügel habendie Gegend des Halses zwischen sich. Vom Schambeinhöckeraus eindringende Geschosse können den Pfannenrand splittern(No. 46), seitlich auf dem Rollhügel aufschlagende Kugelnbis zum Gelenkkopf durchdringen (No. 84, 85). In derselbenWeise wie v. Langenbeck die Erweiterung des Treff-gebiets auf der vorderen Seite darlegt, dehnt sich dasselbe
x ) Billroth, Chirurgische Briefe aus den Kriegslazarethen inWeissenburg und Mannheim 1870. Berlin 1872.
auch auf der Hinterseite bis zur Mittellinie aus. (SieheNo. 96, 98, 103, 106, 111.)
Selbstverständlich beschädigen nicht alle Schüsse, auchwenn sie in der Richtung von vorn nach hinten beideTreffgebiete durchsetzen, das Gelenk selbst. H. Fischer 1 )berichtet über den ungestörten Heilungsverlauf bei demFranzosen S. vom 55. Linien-Infanterie-Regiment, welcherdurch die linke Hüfte verwundet war. Der Einschuss lag3 cm unter dem Darmbeinstachel, der Ausschuss auf derHinterbacke derselben Seite in der Gegend des Sitzbein-ausschnittes. Knochenverletzung hatte nicht stattgefunden.Obgleich der Zustand bei der Heilung nicht bekannt ist,so kann doch mit Sicherheit eine Gelenkverletzung aus-geschlossen werden, da den nachfolgenden Kranken-geschichten gemäss, „ungestörter" Verlauf bei derselbenkaum vorkommt.
Austritt von Gelenkflüssigkeit findet an derHüfte nur selten statt. Der Schusskanal pflegt langzu sein, und selbst wenn er gerade verläuft und nichtdurch Verschiebung geschlossen wird, dringen die wenigenTropfen, welche das Gelenk enthält, kaum bis zur Oberflächehervor. Auch sind die Schleimbeutel, entsprechend derGrösse aller Theile der Hüftgegend, bedeutender. Dereine von ihnen liegt unter der Haut des grossen Roll-hügels, ein anderer unter dem Sehnenansatz«! des grossenGesässmuskels, ein dritter endlich zwischen Darmbeinund Psoasmuskel. Mit Urin gemischt wurde der Austrittbei dem Unteroffizier H. 2 ) beobachtet, am 4. Tage nachder Verwundung durch eine Miniekugel, die 5 cm unter-halb des vorderen Darmbeinstachels eintrat, also an derGelenkseite, die am wenigsten von Weichtheilen bedecktist. Entleerung klebriger Flüssigkeit, als deren Quelle derSchleimbeutel des lleopsoas angesehen wurde, fand am9. Tage nach der Verwundung durch eine Gewehrkugel,die gleichfalls an der Vorderseite eingedrungen war, beieinem Ungenannten (No. 100) statt.
Dem untersuchenden Finger stehen ebenfalls diedichten Weichtheile im Wege, welche nur an der Vorder-seite das äussere Befühlen des Gelenks gestatten, und anden übrigen Stellen auch das Eindringen bis ans Endedes Schusskanals hindern, der zuweilen durch die ge-schwollenen Weichtheile so vollkommen verlegt wird, dassnicht einmal eine Sonde eingeführt werden kann (No. 42).Um die Enge des Kanals zu überwinden, sind früher viel-fach Einschnitte empfohlen worden, indessen begiebt mansich damit des Vortheils der kleinen Wundöffnung, ohneimmer die Sicherheit der Diagnose zu erreichen. Haben
J ) H. Fischer, Kriegschirurgische Erfahrungen. I. Theil. VorMetz. Erlangen 1872.
') Siehe die Krankengeschichte auf S. 739.