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3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
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VII. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.

Bandlll. Spez. Theil.

Geschosse, welche durch die Höhle des kleinen Beckensgelaufen sind, die Richtung auf die Gelenkgegend ge-nommen, so ist die Untersuchung durch den Mastdarmvorzunehmen, die in den nachstehenden Krankengeschichtennirgends erwähnt ist.

Auffallenderweise fehlt oft bei der Verwundung desHüftgelenks der Schmerz, obgleich die Kapsel reichlichmit Nerven versorgt ist: zur Vorderseite gehen Zweigedes N. cruralis, zur Innenseite des N. obturatorius undzum hinteren Abschnitt des N. ischiadicus. Als Grunddafür ist Quetschung oder Zerreissung der Nerven anzu-nehmen. ')

Als wichtiges Zeichen der Gelenkverletzung gilt dieSchenkelstellung. Meist ist der Oberschenkel gebeugtund nach aussen gedreht, das Knie ebenfalls in Beugung.Es ist dies die Stellung, welche die grösste Ausdehnung derKapsel zulässt; die Beugung im Knie ergiebt sich vonselbst aus der Hebung des Schenkels in der Bettlage.Aber dieselbe Stellung kann auch bei Entzündungen umdas Gelenk entstehen, indem der lleopsoas durch Reflex-reizung den Oberschenkel beugt.

In wenigen Fällen war der Schenkel nicht nach aussen,sondern nach innen gedreht: nach einer Kapselverletzung(No. 11), einer Streifung des Halses (No. 35) und nachdrei Halsbrüchen (No. 53, 58, 62). Zur Erklärung dieserAusnahmestellung muss entweder Zerstörung der Sehnender Auswärtsroller oder der Knochentheile, an denen siesich ansetzen, angenommen werden, so dass die entgegen-wirkenden Muskeln das Uebergewicht erlangen. Aus derangegebenen Schussrichtung ist nur 1 mal bei H. (No. 11)auf Verletzung der in Rede stehenden Sehnen zu schliessen,bei welchem die Kugel hinter dem grossen Rollhügel ein-trat und ein Stück derselben hinter dem Gelenkkopf ge-funden wurde.

Das sicherste Merkmal ist die Anschwellungdes Gelenks. Doch nur auf der Vorderseite bietetsich dieselbe dem Auge und dem Finger dar. Wennder Puls der hochgehobenen Schenkelschlagader in derLeistenbeuge gesehen und gefühlt wird, dann scheintjeder Zweifel gehoben zu sein (No. 52 und 53). Unddoch haben trotz dieser Hervorwölbung, wie v. Langen-beck ausdrücklich hervorhebt, weder er selbst, noch Roth,noch die behandelnden Aerzte bei einer Hüftwunde imFeldzuge 186G eine Gelenkverletzung angenommen. 2 ) DerMajor J. war am 9. Juli 1866 bei Gitschin von einerKugel getroffen, welche links oberhalb des Darmbeinstachelseintrat und hinter dem Schambein durch die Blase zumrechten Hüftgelenk lief. Anfang August trat Anschwellungin der Gelenkgegend mit grosser Empfindlichkeit gegenBerührung ein; unmittelbar unter der Haut pulsirte die

!) Vergl. Billroth, a. a. O., 8. 239 und H. Fischer, a. a. 0.,S. 201.

2 ) Vergl. v. Langenbeck, a. a. O., S. 7 und Roth, II. KongressDeutscher Chirurgen, II, S. 22.

Schenkelschlagader. An der Innenseite derselben glaubtev. Langenbeck die Kugel zu fühlen und rieth zum Ein-schnitt, der aber wegen des guten Befindens unterlassenwurde. Die aktive Beweglichkeit war aufgehoben. NachRoth war nicht das geringste Zeichen einer Gelenkzer-trümmerung vorhanden. Nachdem am 18. September derTod eingetreten, ergab die Sektion, dass die Pfanne desrechten Hüftgelenks durch das Geschoss von der Becken-höhle aus vollständig zertrümmert war.

Knochenreiben ist gelegentlich nur undeutlich ge-fühlt, besonders wegen der tiefen Lage des Gelenks unddes festen Aneinanderliegens der Bruchstücke, die durchstarke Beinhaut und breite Sehnenansätze zusammengehaltenWerden.

Die Gebrauchsfähigkeit des Gelenks hat öfterTage und Wochen lang fortbestanden: weder der Mecha-nismus war zerstört, noch zwangen Schmerzen die Bewegungund das Stützen der Körperlast zu vermeiden.

Legouest') berichtet über einen Zuaven, der, an derAlma durch die Hüfte geschossen, noch 10 Tage umher-ging, obgleich er einen völligen Bruch des ganzen oberenTheils des Hüftgelenks erlitten hatte. Auch Stromeyer 2 )sah, dass ein Verwundeter, dessen Pfanne von fortgeleitetenSprüngen eines Beckenbruches durchsetzt war, noch un-mittelbar vor dem Tode, welcher 2 ! /2 Monate nach der Ver-letzung eintrat, zum Nachtstuhl gehen und sich setzenkonnte, v. Langenbeck wies in der militärärztlichenGesellschaft in Orleans (a. a. 0., S. 479), als die Möglich-keit des Gehens für ein Zeichen der Unversehrtheit desHüftgelenks angesehen wurde, auf einen Mann hin, demim Feldzuge 1864 eine Miniekugel genau auf der Spitzedes grossen Rollhügels eingedrungen war. Die aktivenBewegungen waren zwar schmerzhaft, aber vollkommenglatt, so dass das Gehen nicht behindert war. Das an-geblich herausgefallene Geschoss hatte den Schenkel-hals bis zur Pfanne durchdrungen und sass im Kopfe, indemes die Knorpelfläche ein wenig überragte.

Von den Verwundeten des Krieges 1870/71 waren,soweit bekannt, 8 Mann im Stande aufzutreten, oder eineStrecke, oder noch nach Tagen und Wochen zu gehen.Nach Kapselverletzung konnte M. (No. 1) während derersten 8 Tage im Reservelazareth herumgehen; B. (No. 9)vermochte noch einige Tage zu den nöthigsten Verrich-tungen aufzustehen und noch längere Zeit den Schenkelwillkürlich zu bewegen; der unter No. 12 aufgeführteVerwundete war wiederholt umhergegangen. Mit zer-schmettertem Schenkelkopf konnte W. (No. 91) auftreten,E. (No. 92) sogar noch einige Zeit laufen und am17. Tage nach der Verwundung auf beiden Beinen stehenund sich zu. einem anderen Bette begeben. Trotz Bruches

!) Vergl. Deininger, S. 246.

2 ) Stromeyer, Erfahrungen über Schusswunden im Jahre 1866Hannover 1867. S. 52