738
VII. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.
Band III. Spez. Theil.
II
befanden sich zum Theil vorn: in der Leistenfalte (No. 78),aussen neben der grossen Schenkelschlagader (No. 80), inder Gegend des Gelenkkopfes (No. 81) und vorn amgrossen Rollhügel (No. 84); zum Theil hinten: 8 cm unter-halb (No. 79) und 4 cm hinter dem grossen Eollhügel(No. 82), und auf der Hinterbacke (No. 86); endlich zumTheil an der Seite bei M. (No. 85) und anscheinend beiS. (No. 87). Die Kugel sass, soweit ersichtlich, imGelenkkopf selbst 1 ) ohne Bruchbildung (No. 81 und 82)und mit Trennung des Knochens (No. 84 und 85) 2 ),im Gelenk (No. 86) nach Spaltung des Gelenkkopfes in2 Stücke, an verschiedenen Stellen des Darmbeines (No. 78)und wahrscheinlich in der Höhle des kleinen Beckens(No. 80).
Drei Verletzungen (No. 78 bis 80) bestanden in Strei-fungen und Rinnenschüssen. An einem Schenkelkopfe(No. 78) fanden sich zwei verletzte Stellen, von denen dieeine durch das Aufschlagen des Geschosses, welches sichhier spaltete, verursacht wurde, die andere durch ein Blei-stück, welches nach unten und hinten weiter lief, währenddas andere Stück seinen Weg nach oben nahm. Die Kugelscheint den auswärts gedrehten Schenkel getroffen zu haben,da sie sonst bei dem vorn liegenden Einschuss nicht eineStelle hätte erreichen können, die nur 1 cm vom Ansatzdes runden Bandes entfernt war. Der Verwundete K.(No. 79) trug eine tiefe Schussrinne an der Hinterseitedes Schenkelkopfes davon, nachdem die Kugel den Halsgestreift und vorher den kleinen Eollhügel abgebrochenhatte, wodurch sie eine Aenderuug ihres Laufes nach obenerfahren. 1 mal (No. 80) sass die Schussrinne mehr ander vorderen Fläche des Gelenkkopfes.
Ob bei W. B. (No. 81) durch die in den Gelenkkopfeingekeilte Kugel wesentliche Sprünge entstanden, bleibtdahingestellt, bei D. ß. (No. 82) hingegen schien derSchenkelkopf den festen Zusammenhang nicht verloren zuhaben, da später Selbstverrenkung erfolgte.
Auch unter den 5 Brüchen des Gelenkkopfes(No. 83 bis 87) 3 ) finden sich 2 (No. 84 und 85), beiwelchen das Geschoss fest eingekeilt gefunden wurde. 1 )Beide Male war die Kugel mehr von der Seite eingedrungen,und zwar von der Spitze des grossen Rollhügels bezw. etwastiefer; dementsprechend gestalteten sich auch die angerich-teten Verletzungen: H. (No. 84) hatte eine Rinne im Knochenvon der Rollhügelspitze durch die obere Halsfläche erlitten,die zu dem Kanal im Gelenkkopfe führte, an dessen Endedie Kugel sass, M. (No. 85) dagegen Absprengung beider
x ) Siehe ausserdem im V. Bande dieses Berichtes unter Resektion:S. 512, No. 1. und 2 und S. 514, No. 21, ferner v. Beck, S. 893,No. 2 und v. Langenbeck, S. 74, No. 24.
2 ) Siehe ausserdem unter Resektion bei Deininger, S. 284, No. 3(Ungenannter).
3 ) Siehe ausserdem im V.Bande dieses Berichtes unter Resektion:S. 513, No. 9, S. 514, No. 15, und S. 516, No. 12, ferner v. Langen-beck, S. 75, No. 31 und Deininger, S. 296, No. 30.
i) Siehe ferner No. E. 92 (Pfannenbruch) nachstehender Kasuistik.
Rollhügel und Zertrümmerung des Schenkelhalses. Dashöher treffende Geschoss besass geringere Kraft, da es vomEnde des Kanals nur noch einen Sprung durch den Gelenk-kopf setzte, während das tiefer einschlagende, offenbardurch hydraulische Pressung nicht nur den Schenkelkopfsplitterte, sondern auch noch Spalten in den Schaft hineinverursachte. In derselben Richtung wie diese beidenVerwundeten, erhielt auch im Feldzuge 1864 ein Manneine Kugel, die aber bis zur Knorpelfläche des Gelenk-kopfes durchdrang.') Betreffs der übrigen 3 Knochen-brüche (No. 83, 86, 87) ist nur hervorzuheben, dass 1 mal(No. 87) die Eingangsöffnung in den Knochen durch Ein-drückung kleiner Splitter der Rindenschicht deutlich zuerkennen war.
Von den Verletzungen der Gelenkpfanne (No. 88bis 105) und des Beckens mit ßetheiligung desGelenks (No. 106) in nachstehender Kasuistik ist keineeinzige durch Granate hervorgerufen, durch Schrapnellkugelanscheinend eine (No. 92), da zwei gleichzeitige Ver-wundungen des Ober- und Unterarms angeblich durch diegenannten Geschosse entstanden waren. Die Kugeln trafentheils den Pfannenrand, theils den Boden, indem sie vonvorn, seitwärts oder hinten kommend, den Pfannenrandoder Gelenkkopf durchbohrten, oder vorher die Höhle deskleinen Beckens durchliefen. Schusskanäle mit 2 Oeffnungenfanden sich nur 3 mal. Dieselben verliefen von der Vorder-seite dicht unter (No. 96) und 10 cm unter der Leistenfalte(No. 99) durch das Kreuzbein bezw. bis neben den After.C. (No. 96) hatte Durchbohrung des Kopfes und der Pfanne,B. (No. 99) Bruch des hinteren Sitzbeinastes und Splitterungdes unteren Pfannenrandes erlitten. Bei dem 3. Ver-wundeten, L. (No. 93), trat das Geschoss hinter dem grossenRollhügel ein und nach Streifung des Kopfes und Split-terung des Pfannenrandes vorn neben dem oberen Darm-beinstachel aus. Das Geschoss, durch welches C. (No. 96)getroffen wurde, besass eine ganz ungewöhnliche Durch-schlagskraft, da es Gelenkkopf, Pfanne und Kreuzbeindurchbohrte. Eine ähnliche Durehschiessung der Pfannesah v. Langenbeck 2 ) 1863 in Polen: Hinter dem grossenRollhügel eintretend brach eine Miniekugel denselben, zer-schmetterte den Gelenkkopf in mehrere Stücke, ging durchdie Pfanne und blieb dann im Becken liegen.
Die Oeffnungen der blinden Schusskanäle lagen, soweitersichtlich: vorn (No. 88), neben der Schenkelschlagader(No. 98), in der Leistengegend (No. 94) und in der Mittedes Leistenbandes (No. 100); hinten neben dem grossenRollhügel (No. 95) und 2 cm neben der Afterfalte (No. 92);an der Seite endlich über dem grossen Rollhügel (No. 90,91, 97 — 5 cm von demselben entfernt —). Die Kugelsass in der oberen Wand der Pfanne (No. 94), im Schenkel-kopfe (No. 92), im Gelenk (No. 97) und an einer von
*) Siehe Diagnose, S. 741, vergl. auch unten unter den Ver-letzungen der Pfanne.
2 ) v. Langenbeck, Rede 1868. S. 16. Tabelle I, No. 1.