Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
Entstehung
Seite
717
Einzelbild herunterladen
 

BandlTI. Spez.Theil.

IV. Abschnitt: Verletzungen des Handgelenks.

717

i

Bruch hin. Einmal nahm das Geschoss einen schrägenVerlauf, indem es die Elle 5 cm über dem Gelenk brachund am Daumenhandgelenk austrat (No. 32); in 2 Kranken-geschichten (No. 33 und 34) ist der Griffelfortsatz als zer-schmettert bezeichnet.

Auf eine besondere Art des Entstehens von Sprüngenim Gelenkende der Speiche bei gleichzeitigem Gewehr-schussbruch mehrerer Wurzelknochen weist v. Scheven')hin, indem er annimmt, dass die zwischen grossem viel-eckigen und Kahnbein eingedrungene Kugel das letztereso kräftig gegen die Speiche getrieben habe, dass auf derRückfläche derselben zwei Sprünge von l'/a und 5 l /a cmLänge hervorgerufen wurden.

Eine ganz ungewöhnliche Ellensplitterung ist durcheine Kugel hervorgerufen, welche das Handgelenk durch-bohrt und dann noch ihren Weg durch Bauch- und Brust-höhle mit Bruch zweier Rippen zu den Dornfortsätzen derLendenwirbel genommen hat. Bei der Amputation amOberarm fand sich ein Sprung der Elle bis in dasEllenbogengelenk. 2 ) Das Geschoss hat mit sehr grosserlebendiger Kraft den Gelenktheil der Elle annähernd senk-recht zur Giiedachse getroffen, so dass diese weitgehendeSprungbildung wohl als die Wirkung hydraulischen Druckesangesehen werden darf.

Mit der Speiche zugleich war einmal durch dasselbeGeschoss (No. 23) der erste Mittelhandknochen beschädigt,mit der Elle zugleich der 2. Mittelhandknochen lmal ge-brochen (No. 40) und lmal gestreift (No. 36).

Obgleich das Gelenkende der Speiche etwa doppeltso dick ist, wie das der Elle, so steht doch den 19 Speichen-verletzungen in der nachfolgenden Uebersicht der Artender Handgelenkwunden bei zuwartend Behandelten diegrössere Zahl von 22 Verletzungen der Elle gegenüber. DerGrund dieses auffallenden Verhältnisses scheint darin zuliegen, dass die Brüche des Gelenkendes der Speiche imAllgemeinen sich als schwerere Verwundungen erwiesenund häufiger operative Eingriffe erforderten.

Handwurzel und Mittelhand waren 21 mal durchGeschosse gebrochen (No. 45 bis 65), welche theils in derRichtung von der Hohlhand zum Rücken bezw. umgekehrtdurchdrangen (No. 48, 49, 52, 59), theils schräg (No. 47, 51,53, 65) oder endlich mehr der Längsachse des Gliedes gleich-laufend (No. 45, 46, 54, 58, 63, 64) ihren Weg nahmen.Fünfmal reichte die Wunde bis an die Köpfchen der Mittel-handknochen heran (No. 45, 46, 54, 57, 63) und erstrecktesich bei F. (No. 57) bis 10 cm über das Gelenk. EinemManne (No. 55) hatte ein Granatsplitter auf seinem Wegezur Handwurzel zwei Finger zerschmettert.

J ) v. Scheven, Deutsche militärärztliche Zeitschrift, V. Jahrg.1876. S. 122. Vergl. IV. Band dieses Berichtes, S. 86, No. VII A. 5und V. Band, 8. 95, No. 33.

2 ) Vergl. V. Band dieses Berichtes, 8. 60, No. 78 und Lücke,

S. 34, No. 22.

In vorerwähnten Richtungen drangen meist auch die-jenigen Geschosse ein, welchedie Handwurzel und dasHandgelenk" brachen (siehe unter D. der nachstehendenKasuistik); ausserdem finden sich Angaben über quere Durch-bohrung (No. 81, 84 bis 88). Auch ein Lochschuss durch dieHandwurzel ist bei einem am 6. August 1870 Verwundetenin der Königlichen Charite zu Berlin beobachtet (v. Scheven,S. 121). Die Wunde, senkrecht zur Handfläche verlaufend,war so glatt, dass man frei durchsehen konnte.

Die Stellung der Hand im Augenblick der Ver-wundung, deren Kenntniss allerdings bei diesem Gelenkohne praktische Wichtigkeit ist, findet sich 1 mal verzeichnet(No. 72): Die linke Hand wurde während des Anschlags ge-troffen; der Einschuss befand sich auf dem Handrücken,der Ausschuss an der Aussenseite oberhalb des Gelenks.

Ob Kugeln, welche von der Hohlhand aus in dasGelenk eindringen, gefährlichere Verwundungen verursachen(v. Scheven, S. 122), weil hier dicht an der harten Knochen-unterlage liegende Weichtheile stärker gequetscht werden,als beim Eintritt durch den Handrücken, lässt sich nach denvorliegenden Berichten nicht entscheiden.

Auch die Handknochen haben einmal eine Theilungder Kugel, wie sie durch grössere und stärkere Knochenmehrfach bewirkt worden ist, zu Stande gebracht. JedesStück nahm seinen besonderen Ausgang (No. 48).

Verletzung beider Handgelenke wurde nur einmaldurch Granatschuss beobachtet.') Die linke Hand war zer-schmettert und zwar sicher mit Oeffnung des Gelenkes,da die Amputation am Vorderarm am Tage nach derVerwundung (siehe S. 721) vorgenommen wurde; rechter-seits hatten die Gelenkenden der Unterarmknochen Brücheerlitten und mussten zugleich mit einem Handwurzel-knochen resezirt werden. Ob beide Wunden durch den-selben Splitter gesetzt wurden, bleibt dahingestellt. Einesichere Doppelverletzung beider Handgelenke durch einund dasselbe Geschoss, eine Musketenkugel, kam imNordamerikanischen Kriege vor. 2 )

Von allen Gelenken ist das Handgelenk das einzige,in dessen unmittelbarer Nähe Uniformknöpfe angebrachtsind. Dieselben wurden zweimal durch das Geschoss mitin die Wunde hineingerissen. Ein Verwundeter 3 ) wurde erstgelegentlich eines Einschnitts von einem Knopfe befreit,den er 2 Monate mit sich herumgetragen hatte; bei einemanderen 4 ) wurde bei der nach 4 Wochen vorgenommenenResektion der kleinere Theil der Kugel in der zusammen-gerollten Metallplatte eines Aermelknopfes tief eingebettetgefunden.

!) Siehe im V. Bande dieses Berichts, S. 388, No. 2 und S. 508,No. 2.

2 ) Vergl. Gurlt, S. 196, No. 69.

3 ) Vergl. IV. Band dieses Berichtes, S. 87, No. VII A. 11 unddenselben im V. Band, S. 507, No. 11.

4 ) Vergl. V. Band dieses Berichtes, 8. 508, No. 1.

Hb