Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
Entstehung
Seite
666
Einzelbild herunterladen
 

666

VII. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.

Band ITT. Spez. Theil.

V. Nebenverletzimgen.

Zugleich mit den Gelenken können abgesehen vonStreifungen entfernterer Theilein der Nähe verlaufendeGefässe und Nerven, benachbarte Knochen oder Körper-hohlen (namentlich Brust und Bauch) getroffen werden. DasGeschoss kann beide Verletzungen setzen, ohne dazwischenden Körper zu verlassen, oder an einer Stelle austretenund an einer anderen von Neuein eindringen. Nebenver-letzuDgen der angedeuteten Art verschlimmern mehr oderweniger den durch die Gelenk wunde hervorgerufenen Zu-stand, oder sie haben solche Bedeutung, dass die Gelenk-wunde geradezu als die geringere Beschädigung anzusehenist, so die Verletzungen der grossen Gefässe und dergrossen Körperhöhlen. 1 )

Je näher die Gelenke dem Rumpfe liegen, desto schwererpflegen die Nebenverletzungen zu sein. Die grossen Stämmeder Schlagadern und die Nervengeflechte bieten anihrem Austritt aus den Höhlen die grösste Trefffläche, undihre Verletzung bringt sowohl für das Leben (Verblutung,Schock), als auch für das Glied (Brand, Schwellung, auf-gehobene Nerventhätigkeit) die grössten Gefahren. Dieblutenden Gefässe sind wegen der Menge der geschwollenenund verschobenen Weichtheile am Rumpfe schwerer zugäng-lich, als bei den nur mit Haut und Sehnen bedeckten ent-fernteren Gelenken, die gebildeten Thromben werden ausden grossen Blutröhren leichter fortgeschwemmt und in dieHöhlenorgane eingekeilt, als aus den Gelassen geringerenDurchmessers.

Die Gefässverletzungen sind Obigem entsprechendam zahlreichsten bei Verwundungen dea Schulter- und Hüft-gelenks, demnächst bei denen des Kniegelenks; die Nerven-verletzungen ebenfalls bei denen der Rumpfgelenke, so-dann bei denen des Ellenbogengelenks. Während zur Er-nährung des umfangreichen Unterschenkels noch am Kniegrosse Gefässe verlaufen, liegen dem Ellenbogen sehr engnoch kräftige Nervenstämme an.

Die Verletzung der am Gelenk vorbeilaufenden Sehnenist bei Schusswunden der unteren Gelenke nicht vonschwerwiegender Bedeutung, da bei den Stützgelenkenmehr oder weniger feste Steifheit als guter Heilerfolganzusehen ist. Es genügt daher bei gewonnener geringerBeweglichkeit die Thätigkeit eines erhalten gebliebenenMuskels, dessen mechanische Wirkung derjenigen des un-brauchbar gewordenen ähnelt. Bei den oberen Gelenken,deren Bewegungsvermögen zum Gebrauch nothwendiger ist,wird der Ausfall einer grossen Sehne schwerer empfunden,kann indess ebenfalls durch gleichwirkende Muskeln befrie-digend ausgeglichen werden. (Vergl. unter Schultergelenk,S. 679.)

*) Einige Gelenkwunden sind daher der Kasuistik des V. undVI. Kapitels (Brust- und Unterleibswunden) eingefügt.

Nur die Verletzungen der über das Handgelenk laufendenSehnen ziehen oft völlige Unbrauchbarkeit der Hand durchAufhebung der Fingerthätigkeit nach sich.

Aus dem ersten Schleswig-Holsteinsehen Krieg undden Pariser Unruhen von 1848 linden sich Bemerkungen,dass Geschosse von gespannten Sehnen zurückgeworfen sind,und zwar von der grossen Streckersehne des Unterschenkels 1 )und der Achillessehne (Jobert). 2 ) Aus dem Deutsch-Französischen Kriege sind derartige Fälle nicht berichtet,offenbar wegen der grösseren Durchschlagskraft und derKleinheit der Geschosse.

Knochen bezw. Knochentheile, welche nicht bei derBildung des Gelenks betheiligt sind, wurden besonders beiRumpfgelenkwunden mitverletzt. Durch Schultergelenk-schüsse waren die Knochen des Schultergiirtels (Schlüssel-bein und Schulterblatt), namentlich des Gewölbebogens(Schnabelfortsatz, Schulterenden des Schlüsselbeins undSchulterhöhe), und die Rippen, sogar die Dornfortsätze derWirbel beschädigt. Hüftgelenkschüsse trafen ausserhalb desPfannenbereiches das Darmbein, Schambein, Sitzbein undKreuzbein. Am Fussgelenk sind bei Schussbrüchen vonGelenktheilen der Unterschenkelknochen (besonders derKnöchel) Fersenbein, Schiffbein und Würfelbein getroffen,ohne dass das dazwischen liegende Sprungbein eine Beschä-digung erlitt. (Näheres siehe bei den einzelnen Gelenken.)

Verletzungen der Brusthöhle durch Schultergelenk-schüsse, ohne dass das Geschoss dazwischen den Körperverlassen hatte, werden mehrfach berichtet, wie es bei demengen Anliegen des Schaltergürtels an den Brustkorb kaumanders zu erwarten ist. Gewiss seltsam aber war der Laufeiner Kugel durch das Schultergelenk und beide grosse;Rumpfhöhlen; nach dem Tode des Verwundeten (6 Wochennach der Verletzung) wurde das Geschoss im Psoas steckendgefunden. (Siehe V. Band dieses Berichtes, S. 437, No. 97.)Mehrmals ist durch fortgeleitete Entzündung das Brust-fell ergriffen worden. Kugeln, welche das Ellenbogengelenkdurchbohrt hatten, haben zuweilen mittels zweiter Ein-trittsöffnung die Brust verletzt.

Die wichtigsten Verletzungen von Organen der Bauch-höhle bei Hüftgelenkschüssen betreffen Blase und Mast-darm. Die Heilung der Höhlenwunde war einige Maleschon nach 4 Wochen beendigt, so dass der Gelenkschnssdie Schwere der Verletzung bestimmte. Auch der lleo-psoas fand sich mehrmals verletzt. Wiederholt entstandEiterung und Jauchung in der Beckenhöhle durch Fortleitung.

J ) Schwarte, Beiträge zur Lehre von den Schusswunden.Schleswig 1854. S. 12.

2 ) Wierrer, Neueste VorträgederProfessorenderOhirurgie D.S.W.Veranlasst durch die Ereignisse der Französischen Revolution 1848Sulzbach 1849. 8. 203.